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Die unendliche Bewegung

„Tanztheater International“ startet in Hannover in die Jubiläumssaison

Zum Auftakt der 25. Ausgabe des Festivals „Tanztheater International“ begeisterte Kenneth Kvarnströms Choreografie „XPSD“ mit einer Deutschlandpremiere.
Zärtlichkeit oder Bedrohung? In Kenneth Kvarnströms Choreografie „XPSD“ sind die Übergänge fließend.

Zärtlichkeit oder Bedrohung? In Kenneth Kvarnströms Choreografie „XPSD“ sind die Übergänge fließend.

© Bremer

Nichts geht mehr: Der metallene Reif, dem bei der Deutschlandpremiere von Kenneth Kvarnströms Choreografie „XPSD“ zum Auftakt der 25. Ausgabe von Tanztheater International zunächst allein die Bühne gehört, kreiselt einsam der Bewegungslosigkeit entgegen. Einmal angestoßen dreht er sich erst langsam und aufrecht, dann unaufhaltsam schräger und schneller, bis er schließlich mit verzagtem Scheppern liegen bleibt: Der Stillstand ist das Ende.

Ähnliches schwebt Kvarnström auch mit den Tänzern der Helsinki Dance Company vor: Erst wenn die körperlichen Grenzen erreicht seien, so der Choreograf, trete die wahre Persönlichkeit hervor. Doch diesmal lässt sich Kvarnström, der in den vergangenen zehn Jahren regelmäßiger Gast bei Tanztheater International und Movimentos war, mit der Umsetzung seines Credos Zeit: Die Bewegungen seiner Tänzer sind langsam und weich fließend. Dafür hören sie nicht auf – einmal angestoßen setzen sie sich fort und fort, übertragen sich von einem Tänzer zum anderen: eine unendliche Bewegung.

Dazu passt die Musik des Finnen Jukka Rintamäki, die metallisch schnaufend anläuft wie eine Riesenmaschine und dann einen fast mechanischen Sog erzeugt, der den gut einstündigen Abend vielleicht schon allein tragen würde.

Manchmal allerdings stoppt der Fluss schlagartig. Ein Tänzer erstarrt und fällt, ohne selbst Halt zu suchen, in die Arme eines anderen. Manchmal scheint er sogar aus der Rolle zu fallen und verlässt wie teilnahmslos die Bühne. Dann wirkt es, als sei nicht das Tanzen so anstrengend, sondern die emotionale Belastung. Die Beziehung der Figuren ist einem ständigen, rasanten Wandel unterworfen. Die Tänzer gruppieren sich in immer neuen Konstellationen, und nie ist der Punkt auszumachen, wann bei ihnen zärtliche Nähe in unverhohlene Gewalt umschlägt.

Möglich wird das durch vier Männer und zwei Frauen, denen man auf dem ersten Blick ansieht, dass sie den enormen Anforderungen gewachsen sein werden: keine Elfen, sondern athletische Tänzer, die auch die langsamsten Bewegungen jederzeit kontrollieren können.

Die Offenheit der Emotionen, die das Stück über weite Strecken prägen, spiegelt sich in Bezügen auf formelhafte Gesten der Barockzeit: Beim Menuett stehen sich die Paare (zu denen dann auch ein gleichgeschlechtliches gehört) züchtig in zwei Reihen gegenüber. Phantasievoll historisierende Halskrausen an den ansonsten enganliegenden transparenten Trikots betonen diesen Aspekt zusätzlich.

Abgesehen von diesen Kostümen von Erika Turunen sucht man alle Anregungen außerhalb des Tanzes selbst vergebens: Kvarnström ist ein Virtuose darin, allein durch Bewegung Geschichten zu erzählen, die spannend und völlig offen zugleich sind.

So steht gerade dieser Abend gut am Anfang der Jubiläumsausgabe des Festivals. Oberbürgermeister Stephan Weil hatte zur Begrüßung lobende Worte für Festivalleiterin Christiane Winter – nach denen das Publikum ausdauernd applaudierte. Winter ihrerseits sah sich mit dem Festival seit 25 Jahren „auf der Überholspur“. Das Stück hat ja bewiesen, dass man dorthin auch mit Langsamkeit und Ausdauer gelangen kann.

Freitag um 20 Uhr im Schauspielhaus in Hannover: Jan Lauwers & Needcompany: „The Deer House“, Restkarten an der Abendkasse.

Stefan Arndt


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