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Umstrittene Expressionisten

Sprengel Museum Hannover: Kinderakte bei den „Brücke“-Malern

Umstrittene Expressionisten: Das Sprengel Museum in Hannover nimmt sich des Themas Kinderakte bei den „Brücke“-Malern an – allerdings halbherzig.
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© Sprengel Museum Hannover

Ein Mädchen ruht mit lasziv gespreizten Beinen auf einer Liege. Seine Scham ist mit einem kräftigen Strich akzentuiert. Auf einer anderen Zeichnung liegt das Kind auf dem Schoß eines nackten Mannes. Ein weiteres skizzenhaftes Blatt zeigt das Mädchen auf einem Sofa. Im Vordergrund befindet sich, Ausdruck heimeliger Gemütlichkeit, eine Teekanne. In unangenehmem Kontrast dazu steht die als lüstern interpretierbare Haltung und Geste eines Mannes. Er tastet in Richtung der kindlichen Scham.

Allen drei Bildern ist gemeinsam, dass der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner ihr Schöpfer ist, sie um 1910 entstanden sind und die damals achtjährige Fränzi darauf zu sehen ist, das Lieblingsmodell der Dresdener „Brücke“-Maler. Die Zeichnungen sind jetzt in einer Sonderschau des Sprengel Museums Hannover mit dem Titel „Der Blick auf Fränzi und Marcella“ zu sehen. Es ist die erste umfangreiche Ausstellung zu den Kindermodellen der Expressionisten Kirchner, Heckel und Pechstein.

Der drittgenannten Zeichnung hat, wahrscheinlich, der Künstler selbst den unverfänglich klingenden Titel gegeben: „Liegende Fränzi im Gespräch mit Erich Heckel“. Mit Euphemismen überraschen auch die Macher der Ausstellung im Sprengel Museum. Verständlich ist die Sorge des Museumsdirektors Ulrich Krempel, dass die Leute Pornografie vermuten könnten. Daher beeilte er sich gestern mit der Bemerkung, die Schau sei „jugendfrei“. Dass aus einzelnen Werken Tabuüberschreitungen herausgelesen werden können – eine entsprechende Debatte gab es vor einigen Monaten bereits angesichts der Frankfurter Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive – bestreitet im Sprengel Museum niemand. Krempel konstatiert aber eine grassierende „Skandalisierungsübersteigerung“.

Merkwürdig beschwichtigend drücken sich die Katalogautoren aus, darunter der Kurator Norbert Nobis. Dabei lautet der selbsterhobene Anspruch, „kritisch zu reflektieren“. Kirchners Interesse an Fränzi und Marcella, so liest man beispielsweise, sei, „was persönliche Nähe betrifft, eher gering“. Woraus der erfreuliche Befund zu schließen sei, wird nicht verraten.

In den Ausstellungsräumen bleibt es den Besuchern überlassen, Schlüsse zu ziehen. Rund 170 Kunstwerke von mehr als 50 Leihgebern, darunter dem Brücke-Museum in Berlin, dem Kirchner Museum Davos und dem Moderna Museet in Stockholm, sind versammelt: eine Schau fast vom „Marc, Macke und Delaunay“-Format.

In den Sälen begegnet man in Leinwand- und Papierarbeiten Kindern, die durchs Atelier tanzen, Kopfstand machen oder sich in freier Natur räkeln. Wochenlang lebten die Mädchen mit den Künstlern an den Moritzburger Teichen unter einem Dach. Ein Hauptwerk der Schau ist das berühmte Marcella-Porträt aus Stockholm: Die rosa Fleischigkeit der Haut fällt auf, der aufgemalte Mund und die rot lackierten Fingernägel. Marcella ist Lolita-Typ mit Resten von Verschämtheit. Sie blickt herausfordernd, hält die Beine aber eng übereinander geschlagen.

Wie sind solche Bilder zu interpretieren? Als Akt kurz vor der Entjungferung? Welche Beziehung herrschte zwischen den Künstlern und den Kindern? Nützten die Maler ihre Autoritätsrolle aus? Das Wenige, was in Briefen oder Postkarten überliefert ist, wurde längst offengelegt – und ist im Katalog der hannoverschen Ausstellung nachzulesen. Ohne Frage waren die Künstler vernarrt in Fränzi und Marcella. Da schwärmte Kirchner von aufblühenden Brustknospen, Kindfrauen wie Marcella würden ihn „wahnsinnig machen“. Heckel nannte das Auftauchen der kleinen Fränzi im „Brücke“-Kreis schlicht „ein Ereignis“.

Die Euphorie der Künstler wurde von ihrem Umfeld nicht immer geteilt. So folgte beispielsweise einmal ein Dorfpolizist der FKK-Truppe und zeigte die Künstler an. Die Maler konnten den Richter aber überzeugen, dass sie lediglich das Aktzeichnen von der Akademie in den Wald verlegt hätten.

Der auffallenden Laszivität mancher Posen ist es mit geschuldet, dass sich in der Literatur so lange die Vorstellung hielt, Fränzi und Marcella seien die Kinder einer Künstlerwitwe – dem Künstlermilieu sagt man schließlich lockere Sitten nach. Ein Verdienst der Ausstellung ist es, dass ein Fehler der Forschung korrigiert werden konnte: Marcella ist das Kind kleinbürgerlicher Eltern. Die Durchsuchung von mehr als 10.000 Einträgen in Dresdener Taufakten hat eine einzige Marcella zutage gefördert: Marcella Albertine Olga Sprentzel, Tochter eines Postangestellten. Sie war 14 Jahre alt, als sie zur „Brücke“-Gruppe stieß und körperlich eher unterentwickelt.
Die Aufdeckung ihrer Identität ist freilich nicht mit dem Paukenschlag von 1995 zu vergleichen, als offenkundig wurde, dass Fränzi eine damals Achtjährige war. Dem Marktwert der „Fränzi“-Akte hat diese Erkenntnis perverserweise genutzt.

Gegen die rückblickende Moralisierung und Skandalisierung der Künstler verwahrt sich der Kurator Norbert Nobis. Vieles davon sei „phantasmagorischer Natur“. Er verweist darauf, dass um 1900 ein anderer Zeitgeist geherrscht habe als heute und auch andere Künstler, etwa Egon Schiele, sehr junge Mädchen mit gespreizten Beinen dargestellt hätten. Und die Soziologin Irene Berkel schreibt im Katalog, dass die Maler Marcella und Fränzi in ihren Darstellungen „Subjektivät“ zugebilligt hätten und dass es heute keiner besonderen Phantasie mehr bedürfe, „um überall sexuellen Missbrauch zu entdecken“.

Ist das Problem also unsere (schmutzige) Phantasie? Ist es unzulässig zu fragen, ob bei aller geheiligten Kunstfreiheit Künstler sich nicht auch mitunter zu viel Freiheit herausnehmen? Pädophilie jedenfalls war auch schon in der Wilheminischen Zeit strafbar.

Sprengel Museum, „Der Blick auf Fränzi und Marcella“, 29. August bis 9. Januar 2011. Eröffnung ist am Sonntag um 11.15 Uhr. Der Katalog kostet 24 Euro.

[Johanna Di Blasi]

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