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Mehrsprachigkeit als kultureller Schatz

Sprechen wir bald alle globalesisch?

Leibniz, ja klar, wer sonst? Wer Bürgen braucht für kluge Ideen, kann – zumal in Hannover – ihn bei fast allen Themen als Referenz angeben. Er hatte einst die Vorteile der Mehrsprachigkeit gepriesen und damit eine zu seiner Zeit unpopuläre Position vertreten.
Foto: Im Auftrag der Volkswagenstiftung sichern Sprachwissenschaftler die Spuren bedrohter Sprachen.

Im Auftrag der Volkswagenstiftung sichern Sprachwissenschaftler die Spuren bedrohter Sprachen.

© Volkswagen Stiftung

Hannover. Auf Leibniz berief sich auch der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant bei den Herrenhäuser Gesprächen, die seit geraumer Zeit die Volkswagen Stiftung gemeinsam mit dem NDR veranstaltet.
Und dort hatte Moderator Stephan Lohr zum Thema „Von schwindenden Worten – Sprache in der globalen Welt“ eine Reihe Sachverständiger befragt, die sich in einem einig waren: Die Mehrsprachigkeit ist ein kultureller Schatz. Trabant erinnerte daran, dass sich diese Auffassung in Europa erst seit der Renaissance langsam durchsetzte und – er verwies auf die biblische Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ – einstmals eher als Folge menschlicher Sündhaftigkeit verstanden wurde. Auch heute stünden viele Wissenschaftler noch in dieser Tradition und empfänden die Sprachenvielfalt häufig eher als störend, merkte Trabant ironisch an. In der Naturwissenschaft spreche man „globalesisch“, eine Abart des Englischen.

Der Freiburger Anglist Christian Mair ist sich sicher, dass das Englische, auch wenn das „amerikanische Jahrhundert“ zu Ende gehen werde, noch für lange Zeit die „lingua franca“ bleibe, also das globale Verständigungsmedium, auf das sich die meisten geeinigt haben. Bedrohlich findet er diese Tendenz für die noch existierenden 6000 bis 6500 Sprachen nicht.

Gleichwohl ist unbestritten, dass viele Sprachen gefährdet sind, weshalb die Volkswagen Stiftung in einem großen Forschungsprojekt bedrohte Sprachen mit allen heute zur Verfügung stehenden Aufzeichnungsmethoden dokumentiert. Gefährdet sind Sprachen, wenn sie, so Mair, weder als Verwaltungs- noch als für die Wirtschaft wichtige Verkehrssprache dienten. Und wenn sie durch politischen Druck verdrängt werden wie einst das Bretonische durch das Französische oder in Irland das Gälische durch das Englische. Da komme es, so die Kölner Afrikanistin Anne Storch, auch zu „sprachlichem Selbstmord“, wenn Eltern ihre Muttersprachen nicht mehr an ihre Kinder weitergäben, um ihnen Schwierigkeiten zu ersparen.

Eine weltweite Einheitssprache befürchtet keiner. Storch beobachtet dagegen in Afrika eine praktizierte Mehrsprachigkeit als verbreitete Kulturtechnik. Fast alle sprächen vier oder mehr Sprachen, darunter auch die alten Kolonialsprachen Englisch und Französisch (in dann eigenwilligen Formen). Auch einheimische Sprachen wie Suaheli würden länderübergreifend gebraucht und seien nicht an Ethnien gebunden.

Aber unter bestimmten Umständen seien auch kleinere Stammessprachen, die nur von 5000 Menschen gesprochen werden, nicht gefährdet. Storch erforschte etwa eine Sprache, die spirituell aufgeladen sei: Einzelnen Worten würden magische Wirkungen zugeschrieben werden.

Von der magischen Wirkung der Sprache ist der Schriftsteller Zafer Senocak, der auch aus seinem klugen Buch „Deutschsein“ vortrug, überzeugt. Sprache „berühre“ das Bewusstsein, habe eine ganz eigene Aura, einen Geschmack und Geruch, eine je besondere Metaphorik und die Fähigkeit, Gefühle von Heimat und Geborgenheit zu erzeugen. Mit einer Sprache würden immer auch eine Fühlweise oder bestimmte Wahrnehmungsfähigkeiten verschwinden.

Senocak ist in Deutschland zweisprachig aufgewachsen, schreibt sowohl auf Türkisch wie auf Deutsch und hat zu beiden Sprachen ein empathisches, sinnliches Verhältnis. Er bedauerte, dass man hierzulande diese Zweisprachigkeit als Verweigerung von Integration verstehe und Einsprachigkeit prämiere.

Einig waren sich alle, dass Sprache mehr ist als ein funktionales Verständigungsmittel. Wenn es auf die Nuance ankomme, solle man auch nicht auf die Arbeit professioneller Übersetzer verzichten, wie das häufig sogar auf geisteswissenschaftlichen Kongressen geschehe. Trabant will sich als Geisteswissenschaftler jedenfalls nicht das Recht nehmen lassen, in seiner Muttersprache zu publizieren.

Allerdings plädierte er zugleich für eine von der EU ins Gespräch gebrachte Form der Mehrsprachigkeit. Jeder sollte Englisch für die praktische Verständigung im Alltag lernen. Jeder Europäer solle aber auch eine „Adoptivsprache“ wählen, mit der er sich intensiv befasst, um sich in eine andere Kultur hineinzufühlen. Trabants Motto „Sprache ist sprechen wie andere“ deutet auf die Notwendigkeit, die Fähigkeit zu erlernen, sich das Fremde anzuverwandeln.

Wem das zu sehr nach Pflichtaufgabe klingt, kann sich an die Emphase der Afrikanistin Storch halten: Sprachen lernen ist für sie ein „geistiges Abenteuer“ – wer das nicht begreife, dem entgehe so viel an Freude und Glück.
NDR Kultur sendet die Aufzeichnung  am Sonntag, 5. Februar, um 20 Uhr.

[Karl-Ludwig Baader]

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