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„Will denn hier jeder ins Fernsehen?“

Johansson überstrahlt schwache Goldene-Kamera-Gala

Dietmar Bär und Nina Kunzendorf sind am Sonnabend bei der 47. Goldenen Kamera als beste Schauspieler ausgezeichnet worden. Bär schlüpfte in dem ARD-Film „Kehrtwende“ in die Rolle eines prügelnden Familienvaters. Kunzendorf kennen TV-Zuschauer aus dem neuen Frankfurter „Tatort“ oder der ZDF-Produktion „Liebesjahre“.
Foto: Sie sorgten für Mietglamour aus Hollywood: Denzel Washington und Scarlett Johansson.

Sie sorgten für Mietglamour aus Hollywood: Denzel Washington und Scarlett Johansson.

© dpa

Berlin. Doch, man kann auch bei minus 13 Grad aussehen wie ein Hollywoodstar. Aber dafür muss man schon Scarlett Johansson sein.

„Thank you“, hauchte Hollywoods lässigste Blondine am Sonnabend artig bei der 47. Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin. „Es ist eine große Ehre, wenn man weiß, dass die eigene Arbeit eine globale Bedeutung hat.“ Und so weiter. Eine gewisse Erfahrung bei TV-Galas war nicht zu übersehen bei ihrem 69-Sekunden-Auftritt. Aber lieber Scarlett Johansson bei einem Routinevorgang zusehen als Uschi Glas beim Improvisieren.

Die deutsche Prominenz wirkte, als könnte nur geballter Mietglamour aus Hollywood die Temperatur in der Ullsteinhalle des Axel Springer Verlags über dem Nullpunkt halten. Gleich drei Hollywoodstars waren gebucht, damit Christine Neubauer, Andrea Kiewel und Kai Pflaume nicht unter sich bleiben mussten: Neben Johansson beehrten noch Morgan Freeman und Denzel Washington das frostige Deutschland mit ihrer Anwesenheit. Letzterer fragte bei der Ankunft überrascht: „Oh, ist der rote Teppich im Freien?“

„Die Goldene Kamera ist die einzige Preisverleihung mit triple A“ behauptete Moderator Hape Kerkeling tapfer – nicht ohne Seitenhieb auf die Glitzerkonkurrenz namens „Bambi“ und „Deutscher Fernsehpreis“. Aber ist das wirklich so? Alle drei TV-Weihestunden mögen sich selbst als große, universale Events verstehen – in Wahrheit aber funktionieren sie höchstens noch bei der Generation Postkarte. Im Schnitt sahen 5,23 Millionen Menschen die fast dreistündige Übertragung. Meistgesehene Sendung am Sonnabend war aber „DSDS“ bei RTL.

Kerkeling tat sein Möglichstes, mit Witz und Charme noch einmal die Bedauerlichkeit seiner Absage an „Wetten, dass ...?“ zu untermalen – ein Duett mit Miss Piggy inklusive. Doch er allein kam einfach nicht an gegen die geballte Mittelmäßigkeit der deutschen Unterhaltungsprofis. Fremdschäm-Moment des Abends: Komiker Ralf Schmitz verwechselte live im ZDF tatsächlich Morgan Freeman und Denzel Washington. Dafür lieferte er nebenbei das Motto des Abends: „Will denn hier jeder ins Fernsehen?“

Schlagerstar Helene Fischer fragte sich in salbungsvoller Bescheidenheit „Warum gerade ich?“ und vergaß dann vor Schreck ihren Preis auf der Bühne. Immerhin: Soullegende Dionne Warwick, geehrt für ihr Lebenswerk, sang live ihr „That’s What Friends Are For“. Und Mario Adorf, ebenfalls fürs Lebenswerk ausgezeichnet und von Iris Berben und Hannelore Elsner verliebt gewürdigt („Wir lieben dich“), erinnerte an „all die goldenen Bären, Löwen, Ochsen und Enten“, die es sonst noch so gibt. Und erklärte dann, dass „ich als Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten nicht zur Verfügung stehe“.

Was bleibt von dieser Show? Eine zauberhafte, leicht lenaeske Dankesrede der 21-jährigen Nachwuchsschauspielerin Liv Lisa Fries („Schon ein bisschen geil“). Drei tapfere US-Stars, die für einen Erste-Klasse-Freiflug, eine Fünf-Sterne-Hotelsuite und irgendeinen Preis in Germany, von dem der Agent schon mal gehört hat, noch ein paar freie Stunden im Terminkalender gefunden haben. Friede Springer in Türkisgrün. Mathias Döpfner, der Kerkelings Wulff-Witze eisern weglächelte. Ein überraschend nüchterner Til Schweiger. Und dann kam auch noch das Comedy-Missverständnis Matze Knop, von dem sich Katrin Müller-Hohenstein als beste Sportmoderatorin auszeichnen lassen musste.

Es ist diese seltsame Mischung aus dramaturgischer Biederkeit und der pathetischen Attitüde der Macher, heute Abend Geschichte zu schreiben, die „Bambi“, Goldene Kamera & Co. so anstrengend machen. Ein bisschen scheint es, als erlitte die Show das Schicksal ihres Mutterblattes „Hörzu“: Sie wirkt wie aus der Gegenwart gefallen, sie macht unverdrossen weiter wie seit Jahrzehnten, aber die ganz großen Zeiten sind einfach vorbei. Zeiten, als das deutsche Publikum die pure Anwesenheit von US-Stars noch kaum fassen konnte. Wenn schon die gelangweilte Entertainmentfamilie an einem solchen Abend so amüsiert wirkt wie auf dem 70. Geburtstag eines nervtötenden Onkels – warum sollte das Publikum das anders sehen? „Ich sitze hier schon ziemlich lange“, sagte Morgan Freeman gegen Ende mit einer Coolness, die nur Morgan Freeman drauf hat. Das klang bedrohlich nach Marcel Reich-Ranicki.

[Imre Grimm]

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