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Kestnergesellschaft

Bethan Huws und Aaron Curry zeigen ihre Werke

Abarbeiten am Vorbild: Die Waliserin Bethan Huws und der Amerikaner Aaron Curry stellen ihre Werke in der Kestnergesellschaft Hannover aus.

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Der Amerikaner Aaron Curry in der Kestnergesellschaft Hannover.

Der Amerikaner Aaron Curry in der Kestnergesellschaft Hannover.

© Ralf Decker

Kaum ein Kunstwerk ist so heiß und ausgiebig diskutiert worden wie Marcel Duchamps „Fontäne“ von 1917. Dabei ist gar nicht ausgemacht, ob ein auf den Rücken gelegtes, handsigniertes Pissoir überhaupt Kunst ist. Aber gerade dieses Problem hatte ja die Diskussion entfacht. In den sechziger Jahren wurde Duchamp dann von einer Generation junger Neodadaisten als geistiger Vater entdeckt. Das Pissoir gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, doch der Paradeintellektuelle unter den Künstlern legte es, ebenso wie seinen Flaschentrockner und andere Readymades, neu auf – und sonnte sich in der Anerkennung durch die Jungen. Auch in Hannover waren die Ready­mades zu sehen, 1965 in der Kestnergesellschaft, und der Meister aus Paris war höchstpersönlich zugegen.

Als Ausdruck künstlerischer Willkür, als Kommentar zur Ausstellungstätigkeit, als Hinterfragen von Repräsentationsritualen und Marktmechanismen ist die „Fontäne“ gesehen worden, die überdies eine erotische Deutung nahelegt. Manche betrachten die Überführung eines nützlichen Alltagsdings in die zweckfreie Sphäre der Kunst auch als eine Art sakrales Opfer. Die hierzulande noch kaum bekannte, 1961 geborene walisische Bildhauerin und Konzeptkünstlerin Bethan Huws kreist seit mehr als zehn Jahren um Duchamp wie der Mond um die Erde. Verstanden habe sie die Readymades aber immer noch nicht so recht, sagte die Frau mit den streng zurückgekämmten Haaren gestern in der Kestnergesellschaft Hannover. „Ich glaube, es ist eine Art Poesie.“

Die Form des Flaschentrockners, ein drahtiges Ding, das schon lange nicht mehr in Haushalten zu finden ist, hat die Bildhauerin hergenommen und multipliziert. Aus rund 90 Trocknern in der Größe von Christbäumen hat sie in der großen Halle der Kestnergesellschaft einen eindrucksvollen Flaschentrocknerwald gebildet. Vielleicht in der Hoffnung, durch die Vervielfältigung leuchte einem Duchamps Erfindung besser ein? In einem von Huws’ Kurzfilmen taucht das merkwürdige Flaschentrocknerobjekt als eine Art Alien auf. „Die Schokoladenbar“ ist der recht amüsante und ironische Film betitelt. Es ist ein kurzes Kostüm- und Verwirrspiel um ein Missverständnis, das aus der doppelten Bedeutung des Wortes „Mars“ erwächst: Es kann der Planet oder der Schokoriegel gemeint sein. Auch Duchamp liebte Wort- und Verwirrspiele. In einem weiteren Film mit dem Titel „Fountain“ spielt Huws auf Duchamps „Fontäne“ an. Eine Abfolge malerischer römischer Brunnen ist in Großaufnahmen zu sehen, es plätschert. Dazu spricht die Künstlerin in gebrochenem Englisch und auf Walisisch im trockenen Stil von Sekundärliteratur über Duchamps Kunst. Sie redet diese förmlich tot.

Bethan Huws mal ironische, mal ehrfurchtsstarre Du­champ-Umkreisung lässt einen ein wenig ratlos zurück. Zwar ist ihr Ausgangspunkt durchaus sympathisch. Die Künstlerin stellt die Frage an den Beginn ihrer Kunstarbeit: „Welchen Sinn hat es, noch mehr Kunstwerke zu produzieren, wenn man die bestehenden nicht versteht?“ Dann produziert sie aber doch Kunst – Werke, die hinter der Radikalität von Duchamps Antikunst zurückbleiben. Mit Titanen der klassischen Moderne misst sich auch der in Texas und Kalifornien lebende amerikanische Künstler Aaron Curry. Henry Moore, Pablo ­Picasso, Hans Arp sind Bezugsgrößen des 1972 in San Antonio geborenen Bildhauers, der im Jeanshemd und mit hochgekrempelten Ärmeln so recht ins Bild eines bodenständigen Texaners passt. Das legere Äußere sollte aber nicht über die Raffinesse dieses Künstlers hinwegtäuschen.

Aus der Bildhauerei der klassischen Moderne vertraute Figuren überführt der junge Künstler in eine Art virtuelle Sphäre. Es ist, als hätten sich die abstrakten Picasso- oder Arp-Kreationen in eine 3-D-Computerspielwelt verirrt, als wären Figuren kubistischer Gemälde aus dem Rahmen geklettert und zu plastischen Objekten geworden oder als versuchten im Gegenzug dreidimensionale Objekte flach wie zweidimensionale zu wirken. Das hat Charme.

Die Ausstellungen in der Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11, laufen bis 2. Mai, Kataloge jeweils 28 Euro.

[Johanna Di Blasi]

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