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EIn Jahr nach Amoklauf

Schüler in Winnenden gedenken ihrer getöteten Freunde

Die Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden haben am Donnerstag ihrer Mitschüler, die genau vor einem Jahr beim Amoklauf des Schülers Tim K. getötet wurden.
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Rund 900 Schüler, Lehrer und Hinterbliebene sind am Donnerstag zusammengekommen, um den beim Amoklauf von Winnenden vor einem Jahr getöteten Schülern zu gedenken. Bei der zentralen Gedenkstunde legten Schüler vor der Albertville-Realschule Gedenkplatten und Blumen für die Opfer nieder.

Rund 900 Schüler, Lehrer und Hinterbliebene sind am Donnerstag zusammengekommen, um den beim Amoklauf von Winnenden vor einem Jahr getöteten Schülern zu gedenken. Bei der zentralen Gedenkstunde legten Schüler vor der Albertville-Realschule Gedenkplatten und Blumen für die Opfer nieder.

© dpa

Winnenden am 11. März. Schweigend fügen am späten Vormittag Schüler auf dem Vorplatz ihrer Schule 15 Steinplatten zu einem Kreis zusammen. Auf jeden Stein legen sie eine rote Rose, in jeden Stein ist ein Name eingraviert – die Namen der 15 Menschen, die bei dem Amoklauf in Winnenden den Tod fanden.

Es sind vor allem Momente dieser Art, die die Gedenkfeier ein Jahr nach dem Blutbad in der schwäbischen Kleinstadt am Donnerstag zu einem bewegenden Ereignis machen. Zuvor haben die Schüler der Albertville-Realschule ihrer getöteten Mitschüler durch bunte Symbole gedacht, die sie auf dem Schulplatz aufbauten. Neben Fußabdrücken, einem stilisiertem Herz und Händen aus Gips gehört auch die kleine Skulptur „Tanzkleid und Sonnenblume“ dazu. „Zu unserer alten Lebensfreude zurückzukehren ist schwer“, erläutert eine Schülerin. „Trotzdem gelingt es uns immer wieder, unsere Freude zurückzugewinnen und das Leben zu spüren.“

Während um 9.33 Uhr alle Kirchenglocken der Stadt läuten und beharrlicher Schneefall eine weiße Decke über den einstigen Ort des Schreckens breitet, fassen sich alle Schüler und Lehrer an den Händen und bilden eine Menschenkette. Es ist die Zeit, in der am 11. März 2009 der 17-jährige Tim K. mit einer großkalibrigen Waffe in seine frühere Schule gestürmt war, um in mehreren Klassenzimmern und Fluren wild um sich zu schießen. Manche, die heute hier sind, wurden selbst verletzt, andere verloren ihre Freundinnen. Doch immer wieder betonen sie, dass sie sich davon nicht unterkriegen lassen wollen. „Ich lebe meinen Traum“, steht auf vielen T-Shirts. Die Realschüler werden heute in einer Containerschule unterrichtet. Der weiße Flachbau, in dem die tödlichen Schüsse fielen, soll umgebaut und erst 2011 wieder in Betrieb genommen werden. In den Klassenräumen, in denen Menschen starben, wird allerdings kein Unterricht mehr stattfinden. Eines der Klassenzimmer soll zum Gedenkraum werden.

„Was hier in Winnenden geschehen ist, geht unser ganzes Land an“, sagt Bundespräsident Horst Köhler bei der öffentlichen Gedenkfeier vor der geschlossenen Schule. Auch nach der Verschärfung des Waffenrechts müsse noch mehr geschehen, „damit gefährdete Menschen nicht an Waffen kommen“, betont Köhler und lobt die Arbeit eines Sonderausschusses des Stuttgarter Landtages, der unter anderem mehr Schulpsychologen gefordert hatte. Wenngleich es umstritten sei, welche Rolle sogenannte Killerspiele bei Amokläufen spielten, sei es wichtig, gewaltverherrlichende Computerspiele im Blick zu behalten, sagt der Bundespräsident: „Wir müssen uns gegen die Verrohung unserer Gesellschaft zur Wehr setzen und Grenzen ziehen.“

Köhler appelliert auch an die Medien. Es sei bekannt, dass nach Amokläufen „detaillierte Berichte über den Täter Nachahmer auf den Plan rufen“. Die Medien müssten sich ihrer Verantwortung bewusst werden. „Wir brauchen klar definierte Regeln der Berichterstattung, einen Pressekodex im Geist der Prävention“, sagt Köhler. „Das Wichtigste aber ist: Wir können alle lernen, dass niemand abseits bleibt.“

Neben den Schülern sprechen auch die Schulleiterin und Winnendens Oberbürgermeister zu den 1500 Menschen, die sich zeitweise in den Armen liegen und weinen. „Die Grundfesten unseres Lebens wurden erschüttert“, sagt Oberbürgermeister Bernhard Fritz. „Schock und Verzweiflung lösen sich nur langsam auf.“ Doch man sei auch gestärkt aus der Katastrophe hervorgegangen: „Wir sind aufmerksamer geworden, sensibler, feinfühliger.“

Der Rektorin Astrid Hahn ist anzusehen, wie schwer es ihr immer noch fällt, über all dies zu sprechen. „Danke“, ruft sie ihren Schülern zu. „Ihr seid alle so stark.“ Und dann lenkt die Frau mit den grauen Haaren und der Sonnenbrille den Blick in die Zukunft. „Es wird ein langer Weg für unsere Schule, mühsam, holprig und verschlungen. Aber in jedem Fall führt dieser Weg in die Zukunft.“

Nachdem der Chor „Wir für Winnenden“ das selbst getextete Lied „Wir geben niemals auf“ gesungen hat, beschreiten die Schüler symbolisch den Weg in die Zukunft. Sie reihen Kieselsteine aneinander, auf die sie Botschaften geschrieben haben. „Wenn wir unseren Traum wahr machen“, hat ihre Schulleiterin zuvor gesagt, „werden selbst aus Steinen Blüten wachsen.“ Auch Horst Köhler legt einen beschrifteten Gedenkstein auf den Schulplatz.

[Heinrich Thies]

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