Im Nationalpark werden die Wälder nicht forstwirtschaftlich genutzt. Alte und bruchgefährdete Bäume werden nicht entnommen. Bäume können umkippen und Äste auf die Wege fallen.
Vorweg: Wer es gemütlicher mag, der geht bis zum Eon-Informationszentrum, fährt mit der Standseilbahn auf den Peterskopf und läuft auf dem Asphaltweg zurück – verpasst damit aber auch eine üppige Natur und eine kleine Herausforderung an Kondition und Trittsicherheit. Der Peterskopf-Wanderparkplatz ist Ausgangs- und Zielpunkt für die etwa sieben Kilometer lange Wanderung um den Ochsenwurzelskopf und vorbei an den Hochspeicherbecken. Morgendunst mischt sich mit feinem Regen. Vier Wanderer begrüßt Nationalparkführer Hans-Dieter Heun. Dann geht es los.
Schon wenige Schritte weiter befindet sich die kleine Gruppe mitten in wilder Natur. Ein Bach hat eine tiefe Furche in den Hang gegraben. Am Rand des Laufs wachsen Erlen. Das Birkengewächs hat gerne feuchte Füße – Wanderer haben sie weniger gern. Doch das dichte Blätterdach hält den leichten Nieselregen ab. Im Gänsemarsch geht es einen schmalen Pfad entlang. In Serpentinen schlängelt sich der erste Routenabschnitt den Großen Hegekopf hinauf. Festes Schuhwerk ist zu empfehlen. Was sofort ins Auge sticht: Den Wanderern bietet sich kein aufgeräumter Forst, wie man ihn aus bewirtschafteten Wäldern kennt: Neben dem Weg hat es eine mächtige Fichte niedergestreckt. „Bäume dürfen hier eines natürlichen Todes sterben“ sagt Hans-Dieter Heun. Nach und nach erobert sich die Natur so ihr Refugium zurück.
Heun hält inne und bückt sich: Eine Knoblauchsrauke wächst vor seinen Füßen, eine typische Pflanze in Laubwäldern. „Sie ist ein Stickstoffanzeiger“, sagt der Wanderführer. Wegen ihres Aromas kann sie ähnlich wie Bärlauch verarbeitet werden. Im Nationalpark gilt allerdings: Pflücken verboten. Überhaupt gibt es links und rechts viel zu entdecken. Heun, geprüfter Pilzsachverständiger, weist auf Stockschwämmchen, die etwas abseits vom Weg auf abgestorbenem Buchenholz ein kleines Grüppchen bilden. Eine sonnige Lichtung eröffnet sich, ein Triesch, auf dem sich in früheren Zeiten Landwirtschaft lohnte. Auf ihnen wurden Schafe und Rinder gehütet. Eichen deuten darauf hin, dass die Fläche auch als Hutewald für die Schweinemast mit den nahrhaften Eicheln genutzt wurde. Die Regenwolken haben sich mittlerweile verzogen, die Temperaturen steigen. Ohnehin verschwitzt von den Mühen des steilen Aufstiegs, ziehen die Wanderer ihre Jacken aus und binden sie sich um die Hüften.
Weiter geht es schließlich auf dem Urwaldsteig um den Ochsenwurzelskopf – dem Rothirsch-Symbol folgend. Auf vielen Buchenblättern haben sich kleine eiförmige Wucherungen gebildet. Eine Teilnehmerin, eine Frau aus Darmstadt, bemerkt das und fragt: „Schadet das dem Baum?“ „Nein“, erklärt Heun. In der sogenannten „Galle“ wachse die Larve der Buchenblattgallmücke heran. Der Weg durchschneidet offen liegende Grauwacken-Blockhalden, die aus der letzten Eiszeit stammen. Dann zeigt ein Wegweiser noch einen Kilometer bis zur Jausenstation am Peterskopf an. Hans-Dieter Heun entdeckt den Baum des Jahres 2011: die Elsbeere.
Kurze Zeit später hat die Zivilisation die Wanderer wieder: Ein Teerweg führt zu den Hochspeicherbecken, die sich durch einen Mobilfunkmasten schon von Weitem ankünden. Mücken piesacken unterdessen den Wanderführer. Doch Heun ist gewappnet, zieht ein Fläschchen mit selbst hergestellter Tinktur aus Spitzwegerich und 90-prozentigem Alkohol aus der Hemdtasche und tupft mit Wattestäbchen die Flüssigkeit auf die frischen Stiche. „Dann juckt garantiert nichts mehr“, sagt er. Endlich oben auf dem Peterskopf in 540 Meter Höhe: Vom Rand des großen Hochspeicherbeckens neben dem Sendemast bietet sich an diesem Tag eine getrübte Aussicht, die sich trotzdem lohnt: Im Dunst zeichnet sich schemenhaft Schloss Waldeck ab. Das östlich des Affolderner Sees zunehmend weitläufigere Edertal ist wie in zarten Pastellfarben gemalt. Bei klarer Sicht reicht der Blick vom Peterskopf bis zum Habichtswald bei Kassel, in dem der Herkules zu erkennen ist.
Die geplante Rast danach muss jedoch ausfallen, die Jausenstation „Berghütte“ hat geschlossen. Die gute Nachricht: Ab jetzt geht es nur noch bergab. Heun kürzt die Route ab. Vorbei an einer alten Streuobstwiese marschieren die Wanderer bald wieder durch naturbelassenen Buchenwald. Neben einer feuchten Suhle für Wildschweine steigt ein intensiver Knoblauchgeruch in die Nase. Heun sucht den Boden ab und wird fündig: ein Scheit verwitterte Buche. Das tote Holz ist von einem weißen Pilzgeflecht durchdrungen, obenauf wächst ein unscheinbarer, kleiner Pilz. Der Verursacher des Dufts ist ausgemacht: ein Knoblauch-Schwindling. „Ich werd ’ verrückt, ein Dönerpilz. Wenn ich das meinen Kindern erzähle“, entfährt es der Frau aus Darmstadt. So klingt die Wanderung mit einem „Highlight“ aus. Wenig später ist der PeterskopfParkplatz wieder erreicht.
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