Schöne Aussichten. Wer auf der oberen Plattform des Baumkronenwegs steht, der schaut auf den Edersee, auf Boote, Wälder und Schloss Waldeck – eine Kombination, die Glücksgefühle auslöst.
Lauffaule kommen bei dieser Strecke auf ihre Kosten. Zielstrebige, die diesen Rundkurs mit dem Titel „Von der Wurzel bis zur Krone“ schnurstracks gehen, ohne auch nur einmal nach rechts und links zu schauen, können bereits nach einer halben Stunde die Füße wieder hochlegen. Ein Schnelldurchlauf: Alles beginnt am Eingang des Wildparks in Hemfurth, der Weg führt vorbei am Buchenhaus, es folgt ein rund 500 Meter langer Waldpfad in Richtung Rehbach, der am Kassenhaus für den Baumkronenweg endet. Eintritt zahlen für den Tree-Top-Walk, so nennen sie hier den Baumkronenweg. Es folgt der 700 Meter lange Eichhörnchenpfad, der am Eingang des Baumkronenwegs endet. Jetzt den 250 Meter langen Baumkronenweg bis zur 30 Meter hohen Plattform hinaufgehen, schöne Aussicht gucken, wieder hinuntergehen, zurück auf den Eichhörnchenpfad, nach rund 100 Metern rechts auf einen Weg abbiegen, der nach rund 700 Metern wieder vor dem Wildpark-Eingang endet. Geschafft! Die Gehetzten und die es bleiben wollen, können jetzt auch aus dem Text aussteigen, denn es wird sie kaum interessieren, dass man aus einem Halbstundenweg auch eine dreieinhalbstündige Wanderung machen kann. Dabei steht zwar der Fuß oft still, aber das Auge wandert und wandert, Ohren und Nase sind ständig empfangsbereit. Eine Trinkflasche wird nicht unbedingt benötigt, dennoch großer Wissensdurst gestillt.
Für diesen unterhaltsamen Spaziergang für die Sinne sorgen vor allem die beiden Nationalpark-Ranger Bernd Schenk und Joachim Reinhardt. Wo der Laie nur den Wald vor lauter Bäumen sieht, sehen die beiden noch vieles mehr in diesem Lebensraum. Also gehen wir den Weg nochmal, aber ganz langsam zum Mitschreiben. Die Ranger zeigen den rund 40 Wanderlustigen, darunter auch viele Kinder, zunächst an einem Modell im Buchenhaus, welche Vielzahl von Tieren im Wurzelbereich der Buche wohnt. Dann geht es hinaus, und auf dem Waldpfad zum Kassenhaus für den Baumkronenweg erfährt man so nebenbei von den Rangern, dass der 6000 Hektar große Nationalpark ein ausgeprägtes Berg-Tal-Relief mit 51 Bergen aufweist, die Unesco diesen Rotbuchenwaldbestand nicht zum Weltkultur- sondern zum Weltnaturerbe erklärt hat und dass es im Nationalpark kein bewohntes Haus und keine asphaltierte Straße gibt. Auf dem 750 Meter langen Eichhörnchenpfad „lauern“ zahlreiche Sehenswürdigkeiten
am Wegesrand, um Wanderer aufzuhalten. Die erste ist der aus kurzen Dachlatten gebaute überdimensionale Eichhörnchenkobel. Kinder können darauf klettern oder in ihn hineinkriechen. Danach kann man einen nachgebauten Dachsbau besichtigen und ein Bodenfenster öffnen, wo einzelne Bodenschichten sichtbar werden. Zahlreiche Schautafeln laden zum Verweilen ein, und die beiden Wald-Entertainer Schenk und Reinhardt erhöhen deren Informationswert mit ihren Worten deutlich. Sie überraschen mit der Aussage, dass die Wissenschaft noch gar nicht weiß, wie alt eine Buche im Kellerwald- Nationalpark werden kann, 350 oder gar 400 Jahre.
Der Zuhörer erfährt auch, dass es nicht nur in der Computertechnik Netzwerke gibt, sondern auch im Wald durch riesige Pilzgeflechte, und dass der Schwarzspecht für den sozialen Wohnungsbau im Wald zuständig ist. Dann reicht Schenk den Baumpilz Zunderschwamm von Hand zu Hand. Dieser Pilz diente dem Menschen früher zum Feueranmachen und als Material für Kopfbedeckungen. So vergeht über eine Stunde für die 750 Meter, bis man den Baumkronenweg erreicht. Aber fast noch mehr beeindruckt das Bauwerk, das den Eingangsbereich des Tree-Top-Pfades einzäunt. Kurzgeschnittene Dachlatten, die scheinbar kreuz und quer auf einen Haufen geworfen wurden, bilden diesen ungewöhnlichen Zaun. Hintereinandergelegt würde das Holz eine Länge von sechs Kilometern ergeben, rund 15 000 Schrauben wurden dafür verbaut. Der 250 Meter lange Weg hoch zur Spitze des Baumkronenweges ist auch für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen leicht möglich. Es laden immer wieder Tafeln mit Informationen über hier lebende Waldbewohner zum Stehenbleiben ein. Fast oben angekommen geben die Ranger noch einen Einblick in ihre aktuellen Forschungsarbeiten.Sie legen derzeit Flaschen als Insektenfallen aus, weil die Wissenschaft wissen will, wie viele Bienen und Wespen in den Baumkronen leben. Und auch der Baummarder steht hier unter wissenschaftlicher Beobachtung. Oben auf der Aussichtsplattform schaut man 30 Meter in die Tiefe, und der schöne Ausblick auf den Edersee, die Halbinsel Scheid und Schloss Waldeck löst Glücksgefühle aus. Wer länger hier oben bleiben will, der kann sich für ein „Tree-Top-Dinner“ für 99 Euro anmelden. Dafür bereitet ein Koch auf der Plattform ein Menü zu. Wir bevorzugen aber heute den Proviant aus dem Rucksack, gehen wieder hinunter und biegen nach rund 100 Metern vom Eichhörnchenpfad auf einen Waldweg ab. Hier verlängert momentan Kultur zeitlich den Rückweg, denn die kleine Ausstellung „Von der Wiege bis zur Bahre“ mit Werken von Schülern der Holzfachschule Bad Wildungen soll zeigen, dass Holz den Menschen ein Leben lang begleitet.
Zum Schluss dieser kurzen und kurzweiligen Wanderung stehen die Bäume Spalier für den Menschen. Alle „Bäume des Jahres“ von 1989 bis 2011 haben sich zur Schau aufgestellt. Dann endet die Wanderung, die keine richtige Wanderung war. Sie wurde das erste Mal angeboten als Testlauf. Es steht noch nicht fest, ob sie 2012 ins Programm genommen wird. Ein Rat aus der Praxis: Eine Aufnahme würde nicht nur Lauffaule freuen.
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