Ende Februar 2010 fegte Sturmtief Xynthia durch den Kellerwald. Die entwurzelten Bäume bieten Bewohnern neue Lebensräume und Besuchern begehrte Fotomotive.
„Natur Natur sein lassen“: Im Nationalpark Kellerwald-Edersee gilt diese Devise auch nach stürmischen Zeiten. Was Xynthia Ende Februar 2010 zwischen der Himmelsbreite und Herzhausen anrichtete, können Wanderer auf dem Brückengrundsteig bestaunen. Durch Dutzende entwurzelter und abgeknickter Baumriesen hindurch schlängelt sich der Pfad in engen Kehren bis zum kleinen Bachlauf, der auf ein paar großen Trittsteinen überquert werden kann. Riesige Mikadostäbe Großblütiger violetter Fingerhut säumt den Weg. Das frische Grün nachwachsender Buchen bildet den Kontrast zum Grau der ausgeblichenen Stämme, die von Weitem betrachtet wie Mikadostäbe den Hang zerteilen.
Steil geht es auf der gegenüberliegenden Flanke wieder empor, bis der Forstweg erreicht ist, der zurück Richtung Kirchlotheim führt. Wanderführerin Rita Wilhelmi ist an diesem Julitag mit einer Gruppe Niederländer unterwegs. Die Muttersprache der Gäste beherrscht sie nicht zuletzt dank ihrer Schwägerin, die aus dem Nachbarland stammt und sie mit Fachliteratur versorgt. Hilfreich ist zum Beispiel die holländische Ausgabe von „Was blüht wann?“, aus der sich Rita Wilhelmi die botanischen Fachbegriffe heraussucht. Vom Parkplatz des Nationalpark-Zentrums aus führt die Kombinationstour, eine Alternative zur kompletten Hagenstein-Route, zunächst nach Süden bis an den Ortsrand Kirchlotheims. Vorbei an der Grillhütte geht es durch offenes Gelände bis zum Waldrand. Stetig ansteigend verläuft die Route auf einem bequemen Forstweg bis zum Hagenstein.
Der auch als „Loreley des Edertals“ bekannte Aussichtspunkt liegt zwischen den Vöhler Ortsteilen Kirchlotheim und Schmittlotheim. Das unter Naturschutz gestellte Gebiet auf 350 Metern Höhe trägt den Namen des früheren preußischen Landforstmeisters Graf von Hagen. Bei klarer Sicht lässt sich von hier aus sogar die Turmspitze der Frankenberger Liebfrauenkirche erkennen. Wer sich vom Panoramablick über das Edertal losreißen kann, entdeckt auf dem Rondell, das bestens für eine Rast geeignet ist, einen Gedenkstein für den Namensgeber, datiert mit „23.4.1873“. Herr von Hagen war wohl zu damaliger Zeit Forsteinrichter. Er gliederte die großen Waldflächen in einzelne überschaubare „Districte“, die Vorläufer der Waldabteilungen. Zwei Nordmanntannen und eine Linde wurden ihm zu Ehren gepflanzt, erklärt Rita Wilhelmi ihren Wandergästen. Einst hing an einer mächtigen Eiche auch eine Tafel mit einem Gedicht Joseph von Eichendorffs. Heimatfreunde erneuerten das Schild mit den Versen des wohl bekanntesten Vertreters der deutschen Romantik: „Schau von dem Berg auf Waldesgrün, und auf der Ströme Silberbänder, die sich durch Ährenfelder ziehn.“
Mit viel Glück begegnet einem hier mitunter sogar ein Uhu, der in dem blockschuttreichen Steilhang gute Jagd- und Lebensbedingungen vorfindet. Seltene Pflanzen wie Schwalbenwurz und Gelber Fingerhut sind hier ebenfalls zu finden. Die geologischen Besonderheiten der Blockschutthalde kann Wanderführerin Wilhelmi auch auf Niederländisch schnell erklären. Das Märchen von Rotkäppchen, in dem der böse Wolf mit Wackersteinen im Bauch endet, kennt man dort ebenfalls. Die Waldnutzung im Gebiet rund um den Hagenstein besitzt eine lange Tradition. Bis 1918 gehörte es zum Hofjagdrevier der Fürsten zu Waldeck und Pyrmont. Im Auftrag der adeligen Waidmänner wurde um die Jahrhundertwende eine Fläche von etwa 3400 Hektar eingezäunt. Der hohe Wildbestand hatte angeblich zu erheblichen Schäden auf den angrenzenden Feldern geführt. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung erhielt das Gatter 1935 die heutige Größe von fast 5000 Hektar. In dieser Zeit wurde auch das Muffel- und Damwild eingebürgert. Von 1952 bis 1987 war der Gatterbereich Wildschutzgebiet, in dem die Wildbewirtschaftung sehr stark im Vordergrund stand. Ab 1988 wurde das ehemalige Wildschutzgebiet zum Waldschutzgebiet weiterentwickelt und die Schwerpunkte verlagerten sich in Richtung Naturschutz und Tourismus.
Weiter geht es durch das Reich der urigen Buchen. Wer sich etwas Zeit nimmt und bei einer Trinkpause einen Moment verharrt, entdeckt hier schnell an bemoosten Baumstümpfen und im Gewirr der knorrigen Wurzeln das Antlitz eines Boggels. Professor Zundermann hat mehr als 30 Jahre über dieses urtümliche Mischwesen geforscht. Nähere Informationen gibt es bei einem auf jeden Fall lohnenden Besuch im Nationalpark-Zentrum. Die Tour führt die Wanderer weiter bis zur Himmelsbreite. Die Hochfläche in westlicher Richtung querend, rücken Xynthias Hinterlassenschaften näher. Der beginnende schmale Brückengrundsteig verlangt festes Schuhwerk und Aufmerksamkeit beim Hinuntergehen. Als etwas ganz Besonderes bleibt diese Route nicht nur wegen ihres Verlaufs im Gedächtnis der Besucher haften. Die Parkverwaltung nutzte das Naturereignis als Wegbereiter. Nur vorübergehend wurde das Schutzgebiet gesperrt, um die Sicherheit der Wanderer weiterhin gewährleisten zu können. Nachdem die Gefahren beseitigt waren, wurden die Hauptwanderwege, Pfade und Steige bereits nach kurzer Zeit wieder freigegeben.
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