Ein denkwürdiger Ausflug mit dem Opel 10/45: rechts im Bild der 23-jährige Werner Gerds im Frühjahr 1934.
„Das Auto war damals fast schon ein Oldtimer“, erzählt Werner Gerds, der bei der Erinnerung an die Irrfahrt heute noch den Kopf schüttelt. Auf stolze 98 Lebensjahre blickt der rüstige, seit einem halben Jahr im Alten- und Pflegeheim Schloss Landau lebende gebürtige „Kasselaner“ zurück. Wie kam der damals 23-Jährige zu seinem ersten Auto in einer Zeit, in der selbst im großen Kassel nur wenige Ärzte und Geschäftsleute motorisiert waren?
Bei einem Opel-Großhändler für den gesamten nordhessischen Raum, bei dem Werner Gerds später Betriebsleiter
werden sollte, war der junge Mann in der Verwaltung beschäftigt. Der Vorbesitzer eines Opel 10/45, der vorher im Kreis Fritzlar gelaufen war, wollte sich einen neuen Wagen zulegen. Nach Verhandlungen mit dem Besitzer erwarb Werner Gerds den neun Jahre alten Wagen schließlich für 180 Reichsmark. „Ich wollte ein eigenes Auto haben und war dann ganz stolz. Damals waren die Gehälter ja noch sehr flau“, berichtet er.
Der denkwürdige Ausflug sollte den jungen Fahrer und seine Gäste auf den Meißner östlich von Kassel führen. Verwandte waren aus Hamburg angereist und „ganz begeistert von dem Auto“. Um dieses gebührend vorzuführen, lud Werner Gerds seine Eltern und das verwandte Ehepaar in den Wagen. „Ich hatte keine Ahnung, wo ich hin musste, und bin in Richtung Hessisch-Lichtenau losgefahren“, lacht der Senior bei der Erinnerung. Irgendwie stimmte die grobe Richtung dann doch, in der Ferne kam auf einer Anhöhe schon das Restaurant „Schwalbental“ in Sicht. Kurzerhand steuerte der 23-Jährige den nächsten Waldweg an. Der war nicht nur steil und matschig, auch das Gasgestänge machte den Aufstieg nicht mit. So blieb Werner Gerds nichts anderes übrig, als seine Gäste den letzten Kilometer zu Fuß loszuschicken. Zu seinem Kaffee kam der junge Mann später aber doch noch.
„Wenn ich nachträglich dran denke, war das ein ganz schönes Risiko. Man hätte ja nicht mal einen Abschleppwagen rufen können“, staunt Werner Gerds im Nachhinein über seinen Leichtsinn.
Immerhin war das Auto mit Vierradbremse und Scheibenwischern schon gut ausgestattet. „Der Fahrtrichtungsanzeiger wurde von innen betätigt, vor der Windschutzscheibe war eine Sonnenblende, und ein Ersatzrad war dabei“, erinnert sich der 98-Jährige. Gekurbelt werden musste nicht: Das 45 PS starke Gefährt hatte einen Anlasser und erzielte für damalige Verhältnisse beachtliche Geschwindigkeiten. „Ich bin aber nicht über achtzig gefahren“, schmunzelt Werner Gerds. Farblich orientierte man sich am Vorgängermodell: Wie der „Laubfrosch“ war auch das Modell 10/45 dunkelgrün lackiert.
Sein erstes Auto hat Werner Gerds nach sechs Monaten gewinnbringend für 200 Reichsmark wieder verkauft: „Es waren noch ein paar Monate Steuer vom Vorbesitzer drauf, so lange bin ich gefahren.“ „Seiner“ Marke ist er schon von Berufs wegen immer treu geblieben. Nach dem Opel 10/45 fuhr er unfallfrei ungefähr zwanzig eigene und 25 Geschäftswagen, wie der Senior stolz berichtet. Das letzte Auto wurde vor sechs Monaten abgemeldet, doch bis heute verfolgt Werner Gerds die Geschicke von Opel täglich in den Nachrichten.
Hintergrund
Die ersten Opel
(sim). Den Anfang im Rüsselsheimer Opel-Motorwagenwerk machte 1899 der „Patent-Motorwagen System Lutzmann“, der optisch noch sehr einer Kutsche ähnelte. Die moderne und effektive Fließbandfertigung führte Opel in den Jahren 1924/25 mit dem „Laubfrosch“ (Modell 4/12 PS) ein. Das nächste Modell war schon deutlich luxuriöser: Der Opel 10/45 PS war der erste deutsche Wagen, der serienmäßig mit einer Vierradbremse, Scheibenwischern, Rückspiegel und Stopplicht ausgerüstet war. Der 2,6-Liter-Vierzylinder wurde von 1925 bis 1927 gebaut. Die Basisvariante war 1925 für 7950 Mark zu haben.
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