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Wir sind stark in Waldeck-Frankenberg

„Leben in unserer Region“ – dieses Projekt soll Impulse geben für den Landkreis Waldeck-Frankenberg, Lust machen, die eigene Region für die Zukunft mitzugestalten. „Wir haben einen Plan“, heißt dabei die Devise von Landrat Dr. Reinhard Kubat. Er hat sich die regionale Entwicklung als Top-Thema aufs Panier geschrieben. Perspektiven des Landkreises skizziert Kubat im WLZ-FZ-Interview.

Landrat Dr. Reinhard Kubat entwickelt ein Leitbild für Waldeck-Frankenberg. Foto: Volkenrath

Von Jörg Kleine

• Herr Dr. Kubat, Sie haben die Entwicklung unserer Region im Zeichen des demographischen Wandels als wesentliche politische Aufgabe für Ihr Amt als Landrat markiert. Was sind denn die Hintergründe, die dieses Thema so bedeutend machen?

Zunächst einmal ganz einfach: Ich bin ja selbst auf dem Land aufgewachsen, in Marienhagen. Ich komme aus einem Bauernhaus und kenne deshalb natürlich die dörflichen Strukturen, wie wir sie noch in den 60er-Jahren hatten. Damals gab es Läden in jedem Dorf, eine Postfiliale, auch die Metzgerei und die Gaststätte, handwerkliche Betriebe – all das gehörte zum täglichen Leben auf dem Lande. Danach gab es teils sogar noch ein Aufstreben im ländlichen Raum, als wir eine Welle der Stadtflucht hatten in Deutschland. So zogen viele Menschen aus Berlin oder aus dem Ruhrgebiet damals hierher.

• Was waren die Gründe?

Vor allem gab es Arbeit hier, günstigen Wohnraum und Bauplätze. Aber dieses Bild hat sich dann seit den 80er-Jahren stark gewandelt: Die ersten Postfilialen wurden geschlossen, die sogenannten „Tante-Emma-Läden“ hatten gegenüber den Großfilialisten das Nachsehen. Und so mussten wir in den Dörfern den Verlust vieler wichtiger Strukturen verzeichnen. Wir beklagen diesen Fortgang bis heute – der sich aber in der Dynamik sogar noch weiter verschärft hat. Nehmen wir doch ein Dorf mittlerer Größe von 500 bis 600 Einwohnern: Da finden wir nicht mehr besonders viel, wir müssen schon von Glück reden, wenn es noch ein Gasthaus gibt.

• Also ist die Erhaltung oder Stärkung der Ortskerne auch ein Kernthema der regionalen Entwicklung. Aber wie soll das gehen? Können wir junge Menschen dazu bewegen, in die Ortskerne zu ziehen?

Also, zunächst einmal muss sich meines Erachtens in unseren Köpfen etwas ändern. Bisher herrschte ja das Dogma vor, es müsse unbedingt ein Neubau sein, wenn junge Menschen eine eigene Familie gegründet haben. Ich vertrete aber eher die These – weil ich selbst in einem Bauernhaus wohne –, dass man auch in einem Altbau sehr gut leben kann. Man muss eben dem rechten Winkel in einem solchen Haus mitunter mal abschwören können.

• Aber Altbauten besitzen oft auch besonderen Charme. Was macht denn Ihr eigenes Haus so besonders?

Erstens wohne ich mitten im Ort, das liebe ich sehr. Die alten Häuser haben oft ein Grundstück drumherum, auf dem man sich viel freier bewegen kann. Es hat also ein anderes Flair als ein Planquadrat-Grundstück von 600 bis 800 Quadratmetern. Außerdem ist die Anlage der Häuser zueinander im Ortskern von Bedeutung: Häuser schauen sich oft an, wie die Menschen. Sie stehen nicht nebeneinander, sondern sind einander zugewandt. Da lässt sich ablesen, wie Menschen früher miteinander kommunizierten – um das mal ein wenig philosophisch zu beschreiben. Hinzu kommen meist alte Bäume auf den Grundstücken, die damit einfach eine besondere Atmosphäre mit sich bringen.

• Aber reicht das aus, um in den Köpfen etwas zu ändern?

Ich nenne einen wichtigen weiteren Vorteil: Wer sich entscheidet, in einem alten Haus im Ortskern zu leben, ist nicht gezwungen, alles auf einmal zu verändern und zu sanieren. Das kann über viele Jahre hinweg laufen. Man kann also Luft holen, ansparen und dann weitermachen.

• Muss man nicht auch finanzielle Anreize geben?

Ja, ich denke schon. Wir haben ja etliche Förderprogramme – ob Dorferneuerung, Mittel aus dem ländlichen Entwicklungsprogramm. Aber das ist grundsätzlich erst mal nicht der entscheidende Faktor. Zunächst einmal sollten wir die Beratung intensivieren, wie man so etwas in Angriff nimmt, wie man sich planerisch an eine solche Aufgabe herantastet. Und jeder ist gut beraten, dies mit Unterstützung von Fachleuten zu tun. Gleiches gilt bei der Finanzierung. Und am Ende muss man sehen, ob es dafür eine Förderung geben kann, um Impulse zu geben. Wenn wir ein solches planerisches Vorgehen bei uns im Landkreis stärker bekannt machen, dann bin ich überzeugt, dass gerade auch jüngere Familien wieder zu der Entscheidung kommen: Okay, das packen wir an, das ist schön und lebenswert.

• Trotzdem: Müsste der Staat nicht mehr fördern in dieser Hinsicht?

Wir hatten über Jahrzehnte eine intensive Neubauförderung in Deutschland – was einer Erhaltung der Ortskerne offensichtlich teils zuwidergelaufen ist. Wir haben zumindest Ansätze in einzelnen Städte und Gemeinden bei uns im Landkreis, die Zuschüsse für Sanierung, für Erwerb, für den Erhalt alter Bausubstanz geben. Ich nenne etwa die Stadt Battenberg, die das am Beispiel Frohnhausen verwirklicht haben – aber auch Vöhl, Edertal und andere Gemeinden. Wir als Landkreis haben diese Satzungen bei den Gemeinden übrigens erbeten, um daraus möglicherweise eine Förderfibel für ganz Waldeck-Frankenberg zu entwickeln. Nicht vergessen dürfen wir dabei ja auch die Dorferneuerung in einigen Gemeinden oder die Stadtsanierung wie etwa für Rhoden oder Landau. Kurzum: Ich kann mir künftig durchaus auch eine Förderung durch den Landkreis vorstellen – muss aber hinzufügen, dass wir momentan sehr schwierige finanzielle Rahmenbedingungen haben.

• Abseits der Ortskerne: Was sind weitere Knackpunkte bei der Entwicklung des ländlichen Raums?

Auf die schnellen Internetverbindungen mit DSL, beispielsweise, möchte ich hier gar nicht mehr näher eingehen. Wir sind am Ball, und ich erwarte, dass dies in zwei, drei Jahren als Grundversorgung von 95 Prozent der Haushalte bei uns im Landkreis abgedeckt ist. Das ist aber nur ein Symptom von vielen. Erkennbar viel schwieriger ist zum Beispiel die ärztliche Versorgung und die Versorgung mit Apotheken. Bei den Ärzten gilt das ja sogar schon in Ballungsgebieten, weil viele junge deutsche Ärzte lieber ins Ausland gehen. Aber am ehesten trifft es eben die ländlichen Regionen.

• Hat der Landkreis dagegen sozusagen ein „Medikament“? Eine kleine Hilfestellung möchten wir zumindest schon mal geben: Das ist ein Weiterbildungsverbund für Fachärzte, damit diese Ausbildung in der Region erfolgen kann. Dies möchte ich zumindest gerne hier bei uns in Waldeck-Frankenberg bündeln.

• Weitere Ansatzpunkte im ländlichen Raum?

Nun, was ich auch immer wieder bei meinen Bereisungen als Bundesvorsitzender des Wettbewerbs „Unser Dorf“ erfahre, ist die Bedeutung einer dezentralen Energieversorgung. In vielen Gegenden Deutschlands gibt es beispielsweise privat betriebene zentrale Heizanlagen, beispielsweise mit Hackschnitzeln als Brennstoff, die den halben Ort versorgen. Auch bei der dezentralen Energieversorgung können wir in Waldeck-Frankenberg also noch einiges tun.

• Was bringen Sie noch mit an Erkenntnissen durch den Dorf-Wettbewerb?

Da gibt es eine Fülle – auch was beispielsweise das Thema „Mobilität“ anbelangt. Vor allem aber habe ich daraus gelernt: Das Zusammenleben, das gemeinsame Arbeiten im Ort ist der zentrale Schlüssel für die Zukunft. Also, zusammen etwas bewegen wollen. Das gilt im Übrigen im Kleinen schon für die Familie und ist sehr gut übertragbar – auf das Dorf, die Stadt, den Landkreis und so weiter. Das Prinzip ist immer gleich: Wenn Menschen vorweg gehen, sich engagieren, dann passiert auch was.

• Hat der immer stärker ausufernde Staat vielleicht auch dazu beigetragen, dass wir vielfach zu lethargisch geworden sind, ein wenig verlernt haben, uns selbst zu organisieren?

Ja, ein Stück weit denke ich das schon. Wir müssen es gemeinsam wollen und aktiv werden. Dann bewegt sich etwas. Wenn wir das erreichen, auch mit unserem gemeinsamen Projekt „Leben in unserer Region“ – ob in den Ortsbeiräten, in den Vereinen, in den Gemeinden, bei uns allen –, dann haben wir sehr viel gewonnen. Schließlich geht es ja nicht nur um die Bausubstanz, sondern in erster Linie um unsere sozialen Strukturen. Dabei kann ein neu erstrahlendes Gebäude aber auch einen wichtigen Impuls geben. Außerdem haben wir jetzt die ganze Zeit gedanklich schon wieder einen Fehler gemacht …

• … welchen?

Na, wir sprechen im Grunde wieder viel zu viel über Probleme. Dabei gibt es bei uns auf dem Lande doch so viele schöne Seiten. Die müssen wir viel stärker wieder herauskehren. Und da nenne ich eben vor allem diesen sozialen „Kitt“, den es bei uns viel stärker noch gibt als etwa in den Großstädten.

• Erleben wir – entgegen aller Prognosen – also doch die Renaissance des ländlichen Raums, weil Menschen dem Druck, der Isolation, der Hektik und den hohen Preisen in Großstädten entfliehen möchten?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Ich habe vor längerer Zeit schon gesagt, dass wir – just in einer Zeit, in der junge Menschen die Region noch verlassen – alsbald genau die Kehrtwende erleben werden. Es sind nämlich genau diese Fragen: Wie kann ich mein Leben finanziell gestalten? Aber auch: Wo werden die Facharbeiter gesucht? Wir haben bei uns eine erstaunlich gute Entwicklung am Arbeitsmarkt. Und das wird viele Menschen zum Nachdenken bringen. Ich denke, da können wir eine ganz große Trumpfkarte ziehen.

• Wagen wir also, abseits der momentan schlechten Bevölkerungsprognosen, den Blick in die Zukunft: Wie sieht Waldeck-Frankenberg 2050 aus?

Ich glaube, wir haben 2050 zumindest den Bevölkerungsschwund gestoppt, eher noch einen Aufwärtstrend. Wir werden es geschafft haben, dass in den Ortskernen fast kein Leerstand mehr ist. Die Kindergärten werden gut gefüllt sein, der Bürgermeister denkt darüber nach, eine weitere Gruppe zu eröffnen. Wir haben zwar nicht in jedem Ort einen Lebensmittelladen, aber wir werden in gut erreichbarer Nähe – auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln – unsere Einkäufe erledigen können. Im Landkreis gibt es – entgegen den schon optimistisch erscheinenden Prognosen des damaligen Landrats (Kubat schmunzelt über sich selbst) – viel mehr Elektroautos, als wir uns je vorstellen konnten. Nachts anfallender Windkraftstrom wird durch Speicher-Akkus für den täglichen Individualverkehr genutzt. Entgegen aller Erwartungen verfügen wir über eine gute ambulante medizinische Versorgung, die sich zu einem System der Polikliniken entwickelt hat. Das Schulsystem bis zu den Gymnasien ist flächendeckend erhalten geblieben. Die Arbeitslosigkeit liegt auf sehr niedrigem Niveau, und die Region hat weiter Zuzug aus den Großstädten. Und auch die Zuwanderung aus anderen Ländern gehört zur Tagesordnung in einer weltoffenen Gesellschaft.


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  • Links Tanja Krienen – 16.02.11
    Jetzt sind schon Links zu heimischen Zeitungen ein Problem und "nicht seriös"? Dann wollen wir hoffen, dass andere Zeitungen den Sinn des Internets - nämlich des Prinzips der direkten Demokratie und der schnellen Hinweise - besser verstehen und angemessener Auslegen und Links auf die WLZ nicht als "unseriös" empfinden. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
  • Löschung von Links zur Kommentarfunktion Ulbricht – 16.02.11
    Habe ich zur Kenntnis genommen liebe Redaktion.

    Nur dieser Weg, ist weder kundenfreundlich, noch gibt er dem Nutzer/Leser die Möglichkeit, seinen Kommentar/Meinung, mittels entsprechendem Link inhaltlich zu untermauern. Das ist rein autoritär, wie Sie mit dieser, Ihrer ( Fehl-)Entscheidung, die Leserschaft hier m.E. ungerechtfertigt einengen.

    Ich würde unter diesen Umständen dann die Kommentarfunktion gleich ganz abschaffen, weil sinnlos.
    Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
  • Löschung von Links Teledrive – 15.02.11
    Liebe Redaktion, Sie müssen auch nicht jeden Link auf Seriösität prüfen, Sie müssen sich nur schriftlich grundsätzlich von den Linkinhalten distanzieren (AGB) und nur dann wirklich mit Löschung einschreiten, wenn Ihnen bekannt ist,oder bekannt gemacht wurde, dass ein Link u.U. nicht seriös ist.So einfach ist das.

    Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweis. Wir haben uns aber für diesen Weg entschieden.
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  • Häuserleerstand in Vöhl Löschmann – 14.02.11
    warum wurde denn nur hier dieser Link gelöscht? Ein offenbar doch sehr eigenartiges und recht willkürliches Verhalten bei der WLZ-FZ.

    Dann muss es Tupfer eben so formulieren, damit die Menschen wahrnehmen können, was hier im Kreis läuft und so los ist. Da man nur diesen Link hier online offenbar nicht nennen darf, muss man es halt umschreiben. Dann gehen Sie bitte auf die Internet-Seite des Eder-Diemel-Tipps und suchen sich dort den Bericht vom Häuserleerstand in Vöhl. Dann passts´schon zum vorstehenden Bericht der WLZ-FZ.

    Anmerkung der Redaktion: Links bei den Kommentaren im Internet werden nicht willkürlich sondern generell gelöscht, da die Redaktion aufgrund der Vielzahl der Kommentare und Themen nicht alle Internetseiten auf deren Seriösität überprüfen kann.
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  • Wir sind stark-so so. Tupfer – 13.02.11
    Wir sind stark im Landkreis, und haben die meiste Kraft da, wo sie auch der Walfisch hat.
    Wir sind so stark, dass schon jetzt viele Häuser leerstehen, insofern der hier benannte UE K a W a E offenbar schon völlig recht hat, mit seiner Einschätzung auf der Internetseite.

    Ein Teil dieses Kommentares wurde von der Redaktion gelöscht. Bitte in den Kommentaren keine Links auf andere Internetseiten veröffentlichen.
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  • nicht schon wieder gefunden... schaut auch 2-3 mal hin – 08.02.11
    Hr. K. aus W. am E.

    finden Sie es nicht selber arm so zu tun als würden Sie ständig die beschriebene Seite finden obwohl Sie sie selbst betreiben?
    Ein bischen mehr Rückrat, statt ewig nur nörgeln ohne etwas aktiv zu verbessern wär doch viel würdevoller.
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  • Herr Landrat schauen Sie hier Kingston – 14.01.11
    Dieser nachstehende Link wird Ihre Behauptungen in Sachen Zukunft relativieren helfen und auf den Boden der Tatsachen zurückführen.
    Siehe:

    http://wirtschaft.t-online.de/studie-deutschlands-wirtschaft-verliert-bis-2050-weltweit-an-bedeutung/id_44016794/index
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  • Wandel der Zeit kingston – 14.01.11
    Sehr geehrter Herr Landrat,

    Ihre letzten Worte (o.imBericht) in Gottes Ohr, ich werde es nicht mehr erleben, aber allein mir fehlt der Glaube.

    Es wird so nicht kommen, wie Sie es dort geschildert haben.
    Die Prognosen der Zukunftsforscher sagen da ganz andere Dinge zu diesem Thema.

    Mir ist eine neue Seite im Netz aufgefallen. Siehe:

    http://www.schauhin-am-edersee.de
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