Schmuckstück: Das 1910 erbaute Gärtnerhaus im Warburger Weg in Rhoden erstrahlt nach der Sanierung in neuem Glanz. Alte und neue Bauelemente ergänzen sich.
Von Natalie Volkenrath
Diemelstadt-Rhoden. „Herzlich willkommen zu Hause“: Von der Freude, die Barbara und Rudolf Beisinghoff an ihrem neuen Heim haben, könnte nichts besser zeugen, als der farbenfrohe Schriftzug an der alten Holztür, den Sonne und Regenbogen zieren. „Wir sind schon recht stolz auf das, was wir geschafft haben“, lächelt Rudolf Beisinghoff bescheiden. In nur wenigen Monaten hat die Familie das Haus, das Beisinghoffs Großvater Johannes Görg 1910 baute, saniert. Mit dem Umbau ist das erste Modellprojekt im Rahmen der Gemeinschaftsaktion „Leben in unserer Region“, an der WLZ-FZ, Landkreis und Sparkasse Waldeck-Frankenberg beteiligt sind, abgeschlossen.
„Überzeugende Verbindung“
„Der enge familiäre Bezug ist ein Glücksfall für dieses Haus. Es ist beeindruckend, wie einfühlsam und kreativ Sie mit dem Vorhandenen umgegangen sind“, lobt Schumann die überzeugende Verbindung von alten und neuen Bauteilen. Diese beruht auf den Plänen von Schwiegertochter Adele Beisinghoff. Die junge Architektin aus München möchte sich auf Altbausanierung spezialisieren und ist bis heute die treibende Kraft. Vor Ort zeichnet ihre Rhoder Kollegin Sigrid Römer für die Bauleitung verantwortlich.
„Wenn es sich um das Elternhaus handelt, ist es eben etwas anderes, als wenn man ein Haus auf der grünen Wiese kauft“, erklärt Rudolf Beisinghoff seine Motivation. Als seine Mutter 2002 stirbt und seine Tante 2008 ins benachbarte Altenheim umziehen muss, liegt die Zukunft des stattlichen Gebäudes in seinen Händen. Obwohl Barbara Beisinghoff eine international anerkannte Künstlerin ist, entscheidet sich das Ehepaar Ende 2009 gegen sein Jugendstilhaus in Südhessen und für das Gärtnerhaus in Rhoden.
Wohnen und Arbeiten
Dass sie diesen Entschluss nicht bereuen, ist zu spüren, wenn Beisinghoffs Gäste wie Walter Schumann durch ihr neues Zuhause führen. „Wir haben jede Ecke besprochen und liebevoll gestaltet“, hebt Barbara Beisinghoff hervor.
Vergangenheit und Gegenwart treffen sich bereits im Flur: Die alte Holztreppe ist einem modernen, geschwungenen Modell gewichen. Die alten weißen Streben sind jedoch gekonnt in das neue Geländer integriert. Eine ins Treppenhaus eingezogene Glaswand lässt die Wärme dort, wo sie hingehört, in den Wohn- und Arbeitsräumen. „Die energetische Sanierung war unser wichtigster Ausgangspunkt, an dem sich vieles entwickelt hat“, hatte Rudolf Beisinghoff der WLZ-FZ im Mai berichtet.
Wohnen und Arbeiten gehen im Erdgeschoss des Hauses eng einher. In den meisten der mit Lehmputz gedämmten Räume warten Pressen, Papierrollen, Farben und fertige Kunstwerke darauf, einen Platz zu bekommen. „Meine Zeichenschränke sind erst in der letzten Woche eingezogen“, denkt Barbara Beisinghoff an den aufwendigen Umzug zurück. Besondere Herausforderung war, eine 2,5 Tonnen schwere Presse, die sie für ihre Wasserzeichen-Kunst benötigt, in Einzelteilen ins Haus zu bringen. Den Boden hatten Experten zuvor mit Stahlträgern verstärkt. „Der Estrich in der Werkstatt wurde einfach nur versiegelt, das ist jetzt en vogue“, lächelt sie.
Im Pressenraum mit „Hebeeingang“ für die Anlieferung des Papiers ziehen aber nicht nur Beisinghoffs Kunstwerke die Aufmerksamkeit des Kreisdenkmalpflegers auf sich: „Sie haben ein Geschichtsfenster geöffnet, indem Sie die typische Wandmalerei aus der Bauzeit erhalten haben“, freut sich Schumann mit Blick auf das Wandstück oberhalb der Tür (Foto). Barbara Beisinghoff: „Mich inspiriert es.“
Von Licht besessen
Wie das ganze Haus sind auch Wohnzimmer und Küche offen gestaltet. „Hier zeigt sich wohl meine Besessenheit, mit Licht zu arbeiten“, schmunzelt Barbara Beisinghoff. Freigelegte Balken und große Fenster verleihen dem Wohnbereich ein modernes Ambiente. Zugleich wecken die lange Zeit unter Teppich versteckten Holzdielen, der stattliche Kachelofen und aufgearbeitete Antiquitäten nicht nur beim Hausherrn Erinnerungen an vergangene Zeiten.
Um künftig einen hübschen Blick auf den ehemaligen Lustgarten der Fürsten in der Nachbarschaft zu haben, wird in Kürze auch die ehemalige Veranda großzügig verglast. „An den alten Holzbögen verändern wir nichts“, betont Barbara Beisinghoff.
Wenig verändert hat sich beim Umbau des Gärtnerhauses zum Atelierhaus auch am Grundriss. Im Obergeschoss, in dem die Familie über Schlaf-, Gäste- und Arbeitszimmer verfügt, trennen neue Trockenbauwände lediglich die Bäder ab. Die sanitären Anlagen wirken durch einen schicken Jura-Stein modern, sind jedoch mit Blick aufs eigene Alter bereits behindertengerecht geplant. Im Dachgeschoss ist eine lichtdurchflutete Wohnung für die eigenen Kinder oder befreundete Künstler entstanden. „Wir haben ein offenes Haus, in dem Künstler arbeiten sollen“, freut sich Barbara Beisinghoff auf Gäste aus aller Welt. Diese können ihrer Kreativität auch im Kellergeschoss freien Lauf lassen, in dem alte Sandsteinmauern in neuem Glanz erstrahlen.
„Lebenswertes Umfeld“
„In diesem Haus korrespondiert alles gut miteinander“, würdigt Schumann die schnelle und durchdachte Sanierung. Das zierliche Geländer entlang der Außenterrasse ist für ihn zum Beispiel ein Beweis, dass „Stahl bei der Altbausanierung nicht im Wege steht. Im Gegenteil: Holz ist manchmal einfach zu massiv“. Das Grau des Stahls greifen die Bauherrn bei der Schornsteinkonstruktion, an der Veranda und beim noch ausstehenden Anstrich des Anbaus wieder auf. Schumann: „Sie hatten eben stets nicht nur die Statik, sondern auch die Gestaltung im Auge.“
Neben dem Einsatz der ganzen Familie schreibt Rudolf Beisinghoff den Erfolg des Projekts dem Engagement der heimischen Handwerker zu: „Sie haben sich alle sehr mit dem Haus identifiziert.“
Die Leute mitzunehmen ist für Walter Schumann bei der Altbausanierung das A und O. „In Anbetracht des schnell wachsenden Gebäudeleerstands im Landkreis werden wir allerdings auch erkennen müssen, dass wir nicht jedes Gebäude erhalten können“, räumt der Kreisdenkmalpfleger ein. „Die Liebe zum Waldecker Land allein genügt nicht, um die Menschen in der Region zu halten. Wir müssen ein lebenswertes Umfeld bieten.“