Navigation:
AboPlus Anzeigen- und Abo-Service
Lokales Serien 20 Jahre Mauerfall

WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

„Nie wieder bin ich so glücklich gewesen“

Das System der DDR war ihnen zu eng geworden, sie suchten Freiheit: Am 13. August 1961 flohen Günter und Ingeborg Schneider in den Westen, am 9. November 1989 erlebte Tochter Kerstin den Mauerfall mit.

Lesezeichen setzen:

Teile der Berliner Mauer erinnern Dr. Günter Schneider, Tochter Dr. Kerstin Schneider und Ehefrau Ingeborg Schneider an ihre bewegte Geschichte. Foto: Theresa Demski

Korbach. Am Morgen gegen sechs Uhr klingelte das Telefon. „Die bauen eine Mauer“, erzählte Ingeborg Schneiders Mutter aufgebracht. Es war der 13. August 1961. Ein kurzer Blick genügte und Dr. Günter Schneider und Ehefrau Ingeborg hatten eine Entscheidung getroffen. „Da reagiert man aus dem Bauch heraus, denkt gar nicht lange nach“, sagt der heute 80-Jährige.

Schnell packten sie Zeugnisse und Dokumente zusammen, brachten sie gemeinsam mit Alben und persönlichen Dingen zu ihren Eltern. „Wir haben das System immer als beengend empfunden“, sagt Günter Schneider heute. Seine Frau weigerte sich in die „Freie Deutsche Jugend“ einzutreten, auch er zeigte sich nicht genug entgegenkommend. „Unsere Karrieren wären am Ende gewesen, wenn wir dort geblieben wären“, weiß der heutige Korbacher. Auch für Tochter Sabine wünschten sie sich eine grenzenlose, mauerlose Freiheit. „Ich hatte bereits ein Jobangebot aus Karlsruhe“, erzählt Günter Schneider, „wir hatten schon häufiger mit dem Gedanken gespielt, in den Westen zu ziehen.“

Am 13. August 1961 nahmen sie ihr Schicksal dann selbst in die Hand, zogen Tochter Sabine gleich mehrere Mäntel an und machten sich mit nichts außer ihren Träumen auf den Weg zum Grenzübergang Friedrichsstraße. „Ich hatte einen Passierschein für Ärzte“, erzählt Schneider. Für Frau und Tochter hoffte er auf die Großzügigkeit der Grenzsoldaten – vergeblich. Während er die Grenze überschritt, mussten Frau und Tochter zurückbleiben. „Da stand ich nun, ganz alleine ohne Papiere, Geld oder Kleidung mit meinem Kind im Arm“, erinnert sich Ingeborg Schneider, „die Soldaten sagten, ich brauche nicht zu warten, mein Mann käme ohnehin nicht zurück“, erinnert sich die 77-Jährige. Doch sie wusste es besser – und behielt recht.

Günter Schneider kehrte zurück, mit einem Fluchtplan im Gepäck. Eine Kollegin aus dem Westen hatte für Ingeborg Schneider ihren Pass zur Verfügung gestellt, ein befreundetes Paar sollte die kleine Tochter als ihre ausgeben und die Grenze überqueren. Bereits am nächsten Tag unternahm die Familie einen zweiten Fluchtversuch – dieses Mal akribisch geplant. „Morgens bin ich wie immer zum Operieren in die Charité gegangen“, erzählt er. Immer mehr Kollegen seien dort in dieser Zeit verschwunden. Mit seinem Passierschein überquerte Günter Schneider am Nachmittag erneut die Grenze, zwei Autos hinter ihm wartete seine Frau. Der Plan ging auf. „Allerdings hatte ich mein Kind zurücklassen müssen“, erinnert sich Ingeborg Schneider an die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Jenseits der Grenze verbrachte die junge Mutter quälende Stunden der Angst und des Wartens. Am Nachmittag sollte Tochter Sabine nachkommen. „Ich erinnere mich ganz genau an den Moment, als ich sie endlich sah“, sagt sie, „nie wieder bin ich so glücklich gewesen.“

In Karlsruhe baute sich die kleine Familie aus dem Nichts ein neues Leben auf. Die Wohnung stellte der neue Arbeitgeber von Günter Schneider, Möbel, Töpfe und Kleidung ersparte sich die Familie mit der Zeit. „Aber wir waren glücklich und wir waren frei“, erzählt Ingeborg Schneider und die Tränen stehen ihr dabei in den Augen. Mit Erschrecken beobachteten die Schneiders die Entwicklungen in der DDR, hielten engen Kontakt zu den Eltern in Berlin. Im Frühjahr 1965 kehrten sie mit einem Besuchsschein zurück in die alte Heimat. „Aber ich fühlte mich sofort unwohl, wollte wieder in den Westen“, sagt Ingeborg Schneider. Also trafen sie sich künftig mit den Eltern in Bulgarien oder Prag. 1972 wurde Familie Schneider offiziell ausgebürgert, da war bereits Tochter Kerstin zur Welt gekommen und die Familie lebte in der heutigen Heimat Korbach, Dr. Günter Schneider praktizierte hier als Arzt.

„Ich bin durch die Geschichte meiner Eltern sehr geprägt worden“, sagt Tochter Kerstin, die heute im Osten Berlins lebt. Oft habe sie ihre Mutter sagen hören, sie wolle nur noch einmal durch das Brandenburger Tor gehen. Die heute 41-Jährige studierte Medizin in Budapest, war im November 1989 zufällig zu Gast in Berlin. Und damals erfüllte sich der Traum ihrer Mutter.

„Wir hörten am 9. November, dass sie die Mauer aufmachen würden“, erinnert sich Dr. Kerstin Schneider lebhaft. Ohne zu zögern brach sie gemeinsam mit Freunden zur Grenze auf. „Plötzlich standen die Menschen auf der Mauer“, erinnert sie sich, „das konnten wir erst gar nicht begreifen.“ Doch die damals 21-Jährige kletterte mit, sprang in den Osten. Man habe zeigen wollen, wie durchlässig dieser Beton geworden war, sagt sie. „Als ich durch das Brandenburger Tor lief, begann ich furchtbar zu weinen“, erinnert sie sich. Der Kreis der Familiengeschichte schloss sich. „Wir waren damals im Freudentaumel“, sagt sie und erinnert sich an den Ausnahmezustand dieser Nacht. „Der McDonalds war innerhalb weniger Stunden ausverkauft“, lacht sie.

In den frühen Morgenstunden des 10. Novembers 1989 war es dann wieder ein Telefonklingeln, das für das Ehepaar Schneider alles veränderte. „Kerstin berichtete uns damals am Telefon vom Mauerfall und von ihren Erlebnissen“, erzählt Günter Schneider und kann den Berliner Dialekt bis heute nicht ganz verbergen. „Meine Frau und ich lagen uns in den Armen und weinten“, sagt er, „bis heute bereue ich es, dass wir nicht gleich aufgebrochen sind.“
Seitdem sind Günter und Ingeborg Schneider viele Male durch das Brandenburger Tor gewandert – nie ohne dabei an ihre Flucht und die Stunden der Wiedervereinigung zu denken.


Kommentar schreiben

Klassenfotos 2010




Lokaler Stellenmarkt




Buntes

USA

Frau erschießt nach Suspendierung zwei Kollegen

In einer US-Fabrik des Lebensmittelherstellers Kraft sind zwei Menschen bei einer Schießerei getötet worden. Eine Frau hatte kurz nach ihrer Suspendierung das Feuer auf ihr Kollegen eröffnet. Die Keksfabrik wurde vorerst geschlossen. mehr

KommentareKommentare 0



Anzeige

Anzeige

Anzeige

Karte WLZFZ Region

Waldeckische - Frankenberger - Region Arolser Zeitung Korbacher Zeitung Wildunger Zeitung Frankenberg Burgwald Edertal

Was denken Sie?

Wehrpflicht

Die Bundeswehr soll reformiert werden. Zu den Plänen des Verteidigungsministers gehört es, die Wehrpflicht auszusetzen. Ist dieser Schritt richtig?

Gewinnspiel Bad Arolsen




Lokale Videos

Bilder, die (sich) bewegen

Mit den WLZ-FZ-Videos können Sie sich zu allen Bereichen informieren, egal ob es sich um Nachrichten aus aller Welt handelt, um das Neueste aus Korbach oder die Filmtrailer der aktuellen Kinowoche. Für jeden Geschmack ist mit Sicherheit etwas dabei. mehr


 

Lokale Nachrichten von Bürgerreportern

myheimat.de

Die lokale Mitmach-Plattform unserer Zeitung: Bürger berichten aus Ihrem Heimatort. Die besten Beiträge werden in Ihrer Zeitung abgedruckt. mehr


 


Inhaltsverzeichnis

Volltextsuch über das Angebot:

myHeimat