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Baby erstickt: Versehen oder Mord?

 Kassel / Bad Wildungen / Haina. Wegen „fahrlässiger Tötung“ ihres Babys im ersten Prozess zu acht Monaten Gefängnis verurteilt und seit langem wieder auf freiem Fuß, droht einer Frau aus Edertal jetzt „lebenslänglich“.

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Die Richter der 1. Strafkammer des Landgerichts Kassel, Christian Springmann, Jürgen Dreyer (Vorsitz) und Heiko Butenuth (v.l.) leiten seit Montag den Revisionsprozess, in dem es um den gewaltsamen Tod eines Neugeborenen geht. Angeklagt ist eine 33-jährige Frau aus Bad Wildungen.

© Uwe Zucchi

Falls die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Kassel, wie es die Staatsanwaltschaft nicht zum ersten Mal verlangt, auf Mord entscheidet, ist die Höchststrafe nicht ausgeschlossen.

Beim gestrigen Prozessauftakt großes Medienaufgebot, dann über mehrere Stunden die Aussage der Edertalerin. Tränenerstickt und schluchzend ihre Schilderung vom Höhepunkt des Dramas auf dem „Parkplatz Ense“ an der Wildunger Umgehungsstraße: Der am Tag zuvor im Heilig-Geist-Krankenhaus Fritzlar per Kaiserschnitt geborene Junge schrie auf der Heimfahrt nach Haina aus Leibeskräften. Auf dem Wildunger Parkplatz Beruhigungsversuche der Mutter. Sie drückte und schüttelte den Säugling über einen längeren Zeitraum. Angeblich wollte sie ihn „wiegen und lieb halten“. Irgendwann „fiel das Köpfchen zur Seite“, ihr Karl war tot.

Versteckspiel

Angst und Panik bei der Frau. Was nun?  Letztendlich verstaute sie den kleinen Leichnam in einem Müllsack, der anschließend über mehrere Tage in einem Karton unentdeckt im Kofferraum lag. Weil sie sich im Fritzlarer Krankenhaus unter falschen Namen angemeldet hatte und ohne ärztliche Erlaubnis verschwunden war, ermittelte die Polizei über diese mysteriöse Mutter. 

Mit Erfolg, vier Tage nach dem schrecklichen Geschehen stand ein Streifenwagen vor dem Haus der Eltern in Edertal, wo sich die Tochter auch gerade aufhielt. An diesem Tag, am 18. Oktober 2007, brachen alle Dämme, ein unglaubliches Versteckspiel über neun Monate fand sein Ende: „Ihr könnt mich festnehmen, ich habe es getan.“ Polizisten öffneten auf ihre Angaben hin den Kofferraum und machten die grauenhafte Entdeckung.

All dies sind Fakten. Entscheidende Frage: Geschah die Tragödie aus Versehen, oder, wie von der Staatsanwaltschaft von Anfang an behauptet, mit Absicht? Weil, so die Argumentation der Anklage, ein Kind ihrer Lebensplanung im Wege gestanden hätte. Weil es der weiteren Ausübung ihrer Hobbys Jagd und Hundezucht gestört hätte.

Nicht zu widerlegen

Während die Edertalerin in Untersuchungshaft kam, wobei zweimal Mithäftlinge aggressiv gegen die vermeintliche „Babymörderin“ vorgingen, konnte sich die Justiz nicht einigen. Den Mordvorwurf des Staatsanwalts stufte das Kasseler Landgericht zunächst als fahrlässige Tötung herunter und eröffnete das Verfahren vor dem Amtsgericht in Fritzlar. 

Das Oberlandesgericht hob auf Beschwerde der Staatanwaltschaft diesen Beschluss auf, darauf kam es vor dem Landgericht zu einem mehrmonatigen Prozess. Am 24. November 2008 das mit Spannung erwartete Urteil – wiederum fahrlässige Tötung.  Die Schilderung der Frau, wie es zum Tod ihres Kindes kam, sei nicht zu widerlegen, es gebe keine tragfähigen Indizien für den Mordvorwurf. 

Die Edertalerin kam nach elf Monaten Untersuchungshaft sofort frei. Für drei Monate hinter Gittern, die über das Strafmaß hinausgingen, musste sie entschädigt werden. 

Doch die Staatsanwälte gaben nicht auf, legten Widerspruch ein. Im September 2009 gab der Bundesgerichtshof der Revision statt, das Verfahren musste neu aufgerollt werden. Aus der Begründung: Das Gericht habe damals zu hohe Anforderungen an eine Verurteilung gestellt, eine Fülle von Indizien sei nicht umfassend genug oder falsch gewürdigt worden. Bei der Neuauflage sind sechs Verhandlungstage mit 34 Zeugen und mehreren Sachverständigen angesetzt. Den Vorsitz hat Richter Dreyer (ferner zwei beisitzende Richter und zwei Schöffen). Staatsanwalt Setzkorn vertritt die Anklage,  Rechtsanwalt Michael Bonn aus Essen die Angeklagte.

„Alles wird noch gut“

Noch einmal berichtete die Frau (geboren in Bad Wildungen, aufgewachsen in Edertal, gelernte Apothekenhelferin) von dem „Teufelskreis“, in den sie sich hinein manöverierte. In Haina (Kloster) lebte sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten. 

Die unglücksseligen Ereignisse begannen mit Arbeitslosigkeit Ende 2006. Jedoch meldete sie diese nicht beim Arbeitsamt, geriet deshalb in finanzielle Schwierigkeiten. Und war, was später eine entscheidende Rolle spielte, nicht mehr krankenversichert. Dann die

 ungewollte Schwangerschaft, die sie strikt für sich behielt: „Ich habe befürchtet, dass mein Mann mich verlässt.“ Kurz zuvor war die Tochter ihres Mannes bei einem Verkehrsunfall getötet worden. 

Kaum zu glauben: Bis zum „Tag X“, also dem Einsetzen der Wehen, besuchte sie nie einen Arzt, die Schwangerschaft verlief problemlos: „Den richtigen Moment, alles zu erzählen, habe ich nie gefunden.“

Am 13. Oktober 2007 kündigte sich die Geburt an: Die Fruchtblase platzte, starke Schmerzen setzten ein. Ausreden über Ausreden, selbst zu diesem Zeitpunkt.  Endlich vertraute sie sich der Schwester an, die gab ihr den Rat „Fritzlar“. Schmerzgepeinigt kam sie in der Domstadt an, meldete sich im Krankenhaus mit einem Fantasienamen als Wildungerin an: „Ich war doch nicht krankenversichert.“

Babysitz vom Sperrmüll

Alles ging glatt, das Kind war auf der Welt: „Ein gesunder, schöner Junge, ich war erleichtert.“ Doch nun wollte sie schnell nach Hause, dort „das Baby zeigen und damit das Versteckspiel endlich beenden“.  „Alles wird noch gut“, sei ihr durch den Kopf gegangen. Sie schnappte sich das Neugeborene, marschierte mit ihm mitten durch den Haupteingang des Krankenhauses, setzte es in ihren Wagen in eine Babyschale. Die einzige Vorbereitung, die sie überhaupt getroffen hatte: Den Babysitz hatte sie sich irgendwann vom Sperrmüll organisiert.

Die Autofahrt von Fritzlar Richtung Haina verhieß keine Schwierigkeiten:  „Zunächst hat er ganz friedlich geschlafen.“ Wenige Kilometer später bei Bad Wildungen die Katastrophe: „Ich weiß bis heute nicht, was auf dem Parkplatz schief gelaufen ist.“ Schließlich setzte sie die Fahrt fort, entsorgte den Babysitz an einem ihr bekannten Hochsitz im Wald.

In Haina (Kloster) beim Lebensgefährten neue Lügen: „Mir wurde eine Zyste an der Gebärmutter entfernt.“

Wie geschildert, folgten noch vier sicherlich schlimme Tage mit ständigen Gedanken an das tote Kind im Kofferrraum, bis sie beschloss, zu den Eltern nach Edertal zu fahren. 


  • Das war ganz klar geplanter Vorsatz! Wolfi28 – 27.01.10
    Schon die Art und Weise, wie diese Person nach dem Tod (Tötung) mit ihrem Baby umgegangen ist - sie warf es einfach in einen Müllsack, wie Dreck, bereit zur Entsorgung - beweist doch geradezu, daß sie lügt wie gedruckt. Von wegen sie hätte das Baby an sich gedrückt zur "Beruhigung", wobei es dann "versehentlich" erstickte ...
    Dann das ganze restliche Procedere, die Entbindung unter Angaben falscher Personalien, das heimliche Verlassen des Krankenhauses mit dem Baby durch einen Hinterausgang - das spricht doch alles für eiskalt geplanten Vorsatz. Ich habe schon damals nur den Kopf geschüttelt über diese Story. Was ist das nur für ein total unfähiger und weltfremder Richter gewesen, der ihr diesen völlig unglaubwürdigen Schwachfug abgekauft hat. 8 Monate ... ein Hohn, ein einziger Skandal!
    Gottseidank hat die Staatsanwaltschaft hier nicht locker gelassen und die Sache vor den BGH gebracht. Jetzt muß die volle Wahrheit ans Licht! Hier wurde ein junges, unschuldiges Kinderleben gnadenlos ausgelöscht, und das war Mord.
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