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Frankenberg: Kaufmanns-Geschichte der Familie Scharf begann vor 75 Jahren

Scharfs Klaus hat die Ware, die sonst keiner hat

30 Kartons mit jeweils 30 Tafeln Schokolade waren das Startkapital, mit dem Herbert Scharf 1950 einen Süßwarengroßhandel in Frankenberg eröffnet hat. Daraus entwickelt hat sich der Eder-Kaufmarkt seines Sohnes Klaus Scharf. Begonnen hat die Kaufmanns-Geschichte der Familie allerdings bereits vor exakt 75 Jahren: Am 1. April 1937 gründete Herbert Scharf in Schlesien einen Kolonialwarenladen.
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Jeden Morgen um 6.15 Uhr nimmt er seinen Platz an der Kasse ein: Klaus Scharf, Chef des Eder-Kaufmarkts, ist ein Frankenberger Original und als Kaufmann in der heutigen Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Vor exakt 75 Jahren hat sein Vater Herbert mit der Eröf

Frankenberg. Klaus Scharf ist eine Ausnahmeerscheinung. Ein Kaufmann alter Schule, immer für ein Schwätzchen mit den Kunden und einen salopp formulierten Spruch zu haben. Der 72-Jährige ist ein kluger Rechner. Und als solcher führt er erfolgreich einen Laden, wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt. Denn der Eder-Kaufmarkt ist weder auf irgendetwas Bestimmtes spezialisiert noch bietet er den Kunden eine Wohlfühl-Atmosphäre oder sonst irgendwelchen Schnickschnack, mit dem Verkaufspsychologen Menschen zum Konsum verführen. Stattdessen ist der Eder-Kaufmarkt ein klassischer Gemischtwarenladen mit einem Sortiment, das so breit ist wie in keinem anderen Geschäft in der Region.

„Guck mal hier“, sagt Scharf und zeigt auf eine Glasvitrine mit Weckern. „Die gibt’s in Frankenberg nur beim Scharf.“ Ein paar Schritte weiter sind die Regale voll geräumt mit Plastikwaren vom Putzeimer bis zur Wäschewanne. „So eine Auswahl hat sonst keiner hier“, sagt der Kaufmann nicht ohne Stolz.

Immer wieder duzt er seinen Besucher beim Rundgang durch den Laden ungefragt. Dann führt er auch das Lager vor. „Wenn wir für Weihnachten eingekauft haben, ist hier bis zur Decke alles voll“, berichtet der Kaufmann. Aber auch im März mangelt es dem Händler nicht an Ware. „Ist ja auch nicht wie bei armen Leuten hier“, sagt Scharf mit einem breiten Lächeln. Doch dann wird er nachdenklich und sinniert darüber, wie es weitergehen soll. Denn er hat keinen Nachfolger.

Lego, Playmobil, Ravensburger: Sein Laden ist ein Kindertraum. Doch Scharf selber hat keine Kinder. „Wegen meiner Krankheit habe ich keine Frau“, sagt der Kaufmann, der zeitlebens mit epileptischen Anfällen zu kämpfen hat.

Immer weiter vergrößert

„Wenn ich Kinder hätte, dann hätte ich hinten auf der Wiese ein richtig großes Kaufhaus gebaut“, sagt Scharf. Wenn er diesen Traum auch nicht verwirklicht hat, so hat er den Eder-Kaufmarkt mit der Zeit doch immer weiter vergrößert - zuletzt vor rund zehn Jahren, als die Baby-Abteilung dazukam. Sitzschalen fürs Auto, Laufgitter und Bettchen - „das hat sonst auch keiner in Frankenberg“, sagt Scharf.

Ab 6.15 Uhr an der Kasse

Demnächst werde er sich wohl Gedanken machen müssen, wer seinen Laden einmal fortführen soll. Solange es aber gesundheitlich noch geht, will er auf jeden Fall weiterarbeiten. „Jeden Morgen um Viertel nach sechs sitze ich an der Kasse“, sagt der 72-Jährige. Dann kommen die ersten Kunden, um sich eine Zeitung, Zigaretten und Getränke für die Arbeit zu kaufen. In der Frühstückspause, gegen halb zehn, bringt ihm seine Haushälterin ein Brot mit Salami und Blutwurst in sein Büro. Dazu gibt es Tee und als Nachtisch eine Zigarette.

Während andere Einzelhändler in Frankenberg die Konkurrenz durch eine mögliche Eder-Galerie fürchten, nimmt Scharf die Pläne für das Einkaufszentrum gelassen. „Soll ich mich vielleicht noch verrückt machen?“, fragt er rhetorisch und ergänzt: „Und außerdem kann ich mit der Auswahl und mit dem Preis doch mithalten.“ Darüber hinaus gebe es „beim Scharf doch das Persönliche“.

Rückschläge hat Scharf mehrere erlebt. „1986 stand der ganze Laden unter Wasser“, erinnert sich der Kaufmann. Nur zwei Jahre später kam es noch schlimmer: Ein Feuer, ausgelöst durch eine Elektroheizung, zerstörte den Laden. „Ich stand vor dem Nichts“, sagt Scharf. Viele Menschen seien zu ihm gekommen und hätten ihm Mut gemacht. Scharf entschloss sich, den Laden wieder aufzubauen, schon im Herbst 1988 war Neueröffnung.

Unbeschadet überstanden hat Scharf vor ein paar Jahren einen bewaffneten Überfall. Dem Räuber machte der Kaufmann zunächst weis, dass die Kasse leer sei. Dann schmiss Scharf den Maskierten nach eigenen Angaben „mit einem Tritt in den Hintern“ aus dem Laden.

Insgesamt 15 Mitarbeiter beschäftigt Scharf derzeit. Neben dem Haupthaus betreibt er auf der anderen Seite der Auestraße noch ein Zweiradgeschäft. Den Großteil seiner Ware kauft er direkt bei den Herstellern ein, die ihre Handelsvertreter zu Scharf schicken. Darüber hinaus gehört der Eder-Kaufmarkt einem Einkaufsverband an. „Wir können fast alles besorgen“, verweist Scharf immer wieder auf die Breite seines Sortiments, das von Papiertischdecken über Korbwaren bis hin zu Karnevalsartikeln sowie von Spirituosen und Süßwaren über Haushaltsartikel bis hin zu Spielwaren reicht. Nur die Lebensmittel hat er aus dem Sortiment genommen. „Da kannst du auch gleich einfach nur Geld wechseln“, sagt Scharf über die geringen Margen bei Margarine, Mehl und Co. Mit eben diesen und anderen Lebensmitteln hat Scharfs Vater Herbert vor 75 Jahren in Schlesien die Kaufmanns-Geschichte der Familie begründet. „Vater wurde in den Kriegsdienst eingezogen, Mutter flüchtete mit mir und meiner Schwester in einem Viehwaggon vor den Russen“, liest Scharf von einem Blatt ab, auf dem er die Geschichte seiner Familie formuliert hat.

Von 1945 bis 1950 lebte die Familie in Ernsthausen, Herbert Scharf gelang 1948 die Flucht aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Im Jahr 1950 borgte ihm ein früherer Lieferant 30 Kartons mit je 30 Tafeln Schokolade - damit legte Herbert Scharf den Grundstein für seinen Süßwarengroßhandel in Frankenberg.

Gastronomiebedarf

Im Jahr 1955 baute die Familie ihr Wohnhaus in der Auestraße, zehn Jahre später folgte der Anbau, in dem heute Spielwaren und Haushaltsartikel verkauft werden. Herbert Scharf betrieb dort einen Gastronomie-Großhandel. 1980 starb der Kaufmann. Klaus Scharf übernahm die Räumlichkeiten und trat dem Einkaufsverband bei, dem er bis heute angehört. „Das war der große Durchbruch“, erinnert sich der 72-Jährige, dessen größte Herausforderung zum 75-jährigen Kaufmanns-Jubiläum seiner Familie die Frage ist, wer in Zukunft sein Nachfolger als Chef des Eder-Kaufmarkts werden soll.


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