Navigation:
AboPlus Anzeigen- und Abo-Service

September: Die Rotbuche

Multitalent von stattlicher Schönheit

Die Vereinten Nationen haben 2011 zum internationalen Jahr der Wälder erklärt. Aus diesem Anlass stellen Förster des Forstamts Vöhl in der WLZ-FZ jeden Monat ihren Lieblingsbaum vor. Heute erzählt Burkhard Wucherpfennig, Leiter der Revierförsterei Buchenberg, von der Buche.

Burkhard Wucherpfennig, Leiter der Revierförsterei Buchenberg, stellt die Rotbuche im Revierteil Hessenstein vor, wo es noch einen Buchenhutewald gibt. Hessen hat mit 31 Prozent den höchsten Buchenanteil aller Bundesländer.

© Marianne Dämmer

Vöhl-Schmittlotheim. Die glatten, säulenartigen Stämme der Rotbuche (Fagus sylvatica L.), deren Kronen sich in großer Höhe zu einem grünen Kuppeldach vereinigen, erinnern an die hoch aufragenden, spitz gewölbten gotischen Kathedralen. Dichter und Naturfreunde sprechen daher oft respektvoll vom Buchendom. Wohl kein anderer Wald lässt uns den Gang der Jahreszeiten so intensiv erleben wie der Buchenwald.

Wenn sich Mitte April im Buchenwald das erste lindgrüne zarte Laub entfaltet, herrscht am Waldboden bereits höchste Aktivität. Viele Pflanzen müssen die Zeit ausnutzen, in der noch größere Lichtmengen zum Boden durchdringen. Denn wenn auch die oberen Partien des Kronendachs im Mai ausgetrieben haben, ist es zum Blühen und Fruchten zu spät, weil kaum ein Baum so wenig Licht zum Boden durchlässt wie die Buche.

Buchenland Hessen

Als vor 5000 bis 6000 Jahren die Buche aus ihren eiszeitlichen Rückzugsgebieten in Südeuropa wieder nach Mitteleuropa einwanderte, löste sie vielerorts die Eichenmischwälder der frühen Wärmezeit ab, weil sich nach einer Klimaabkühlung die Wuchsbedingungen für die Wärme liebenden Baumarten verschlechtert hatten. Die Rückkehr der Buche erfolgte jedoch nicht in eine unberührte Wildnis hinein: Der Mensch der Jungsteinzeit war inzwischen Ackerbauer und Viehhalter, hatte ackerbaulich lukrative Standorte durch Brandrodung urbar gemacht und betrieb mit seinen Haustieren Waldweide.

Schnell wurde die Rotbuche in den Wäldern zum landschaftsprägenden Element, was besonders den Römern auffiel, die aus der Mittelmeergegend andere Verhältnisse gewohnt waren. Im frühen Mittelalter wurde die Landschaft im Fuldaer Becken, der Nordrhön, des Vogelsberges und später das gesamte Osthessen „buchonia“ – „Buchenland“ – genannt. Der römische Dichter Tacitus schreibt in „Germania“, dass der Wille der Götter mithilfe hölzerner Runenstäbchen erforscht wurde, wozu vor allem das harte Buchenholz verwendet wurde. Der „Buchstabe“ ist dann im Mittelalter Bezeichnung für unsere Schriftzeichen geworden. Und das lateinische Wort Fagus leitet sich vom griechischen Wortstamm „phag“ ab, der Mahlzeit oder Essen bedeutet: Das deutet auf die Nutzung von Bucheckern als Lebensmittel und Viehfutter hin.

  Eine Buche als Habitatbaum – sie bleibt, bis sie stirbt.

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Rotbuche erstreckt sich vom Atlantik über Südengland, Südskandinavien zur Ostsee, von dort weiter über Warschau zum Schwarzen Meer und im Süden bis nach Nordgriechenland, Italien und Nordspanien. Es umfasst 276 Millionen Hektar. Im Hinblick auf den Standort ist die Buche nicht wählerisch: Man findet sie auf armen und sauren Böden genauso wie an Stellen mit bester Nährstoffversorgung. Was sie in ihrer Ausbreitung begrenzt, sind starke Fröste, Dürre oder zu große Nässe. Extrem feuchte Standorte wie Auenböden, Sümpfe, Moore und stark austrocknende Standorte auf Sand werden von ihr gemieden.

Leben im Schatten

Ihre Konkurrenzkraft gegenüber anderen Baumarten bezieht die Buche aus der Eigenschaft, eine enorme Beschattung ertragen zu können. Buchenkeimlinge und Jungpflanzen überleben problemlos im Schatten geschlossener Kronendächer. Sie sitzen in Lauerstellung und warten darauf, dass durch Sturm, Blitzschlag oder Altersschwäche Löcher im Kronendach entstehen, die sie dann schnell schließen und dabei zu stattlichen Bäumen von bis zu 40 Metern Höhe heranwachsen. Bei guten Wuchsbedingungen kann der Stammdurchmesser über einen Meter betragen.
Ihre herzförmigen, meist tief in die Erde reichenden Wurzeln und die oft tief angesetzte, weit ausladende Krone sorgen dafür, dass die Gefahr von Windwürfen in unbelaubtem Zustand im Winter sehr gering ist. Gegen starke Stürme im Sommerhalbjahr, wenn dass üppig entwickelte Blattwerk dem Wind eine große Angriffsfläche bietet, ist sie leider nicht gefeit: Der Sommersturm „Doris“ hat 2010 am östlichen Kellerwaldrand und in der Schwalm riesige Flächen älterer Buchenbestände zu Fall gebracht.

Nähr- und Gebrauchsbaum

Die Rinde der Buchen ist meist graubraun, glatt und glänzend, manchmal auch weißgrau gefleckt. Bei älteren Bäumen kann eine schwache Borkenbildung einsetzen. Die Blätter sind nach dem Austreiben hellgrün und sehr zart. Man kann frische Buchenblätter als Salat essen. Später werden die Blätter dunkelgrün und hart. Die Buche ist einhäusig, denn auf einem Baum bilden sich sowohl männliche als auch weibliche Blüten. Die glänzend rotbraunen Früchte sind dreikantig und sitzen meist zu zweit in einem weichstacheligen und holzigen Fruchtbecher. Das Holz der Buche hat in frischem Zustand eine gelbliche Farbe mit deutlich sichtbaren, strichförmigen Markstrahlen. Dicke und alte Bäume haben meist einen rötlichen Kern – von dieser Verfärbung leitet sich der Name Rotbuche ab.
Da Buchenholz nicht besonders witterungsbeständig ist, stand in den Anfängen seine Verwendung als Brennholz im Vordergrund. Sehr früh war bereits die Herstellung von Holzkohle aus Buchenholz üblich, ohne die in der vorindustriellen Zeit das Schmelzen von Metallerzen nicht möglich war. Mit Beginn der Industrialisierung und dem Entdecken der Steinkohle ging die Nachfrage nach Holzkohle für die Metallverhüttung schnell zurück.

Die Verteuerung des Heizöls hat in den vergangenen Jahren eine fast ausgestorbene Sportart wiederbelebt: das Aufarbeiten von Brennholz. Dafür ist die Rotbuche besonders geeignet, da ihr Holz nahezu geruchs- und rückstandsfrei zu einer feinen hellgrauen Asche verbrennt und lange eine gute Wärme abgibt.

Ein weiterer wichtiger Nutzungsfaktor war im Mittelalter die Waldmast. Dabei wurden Hausschweine vom Dorfhirten zur Herbstzeit in die Wälder getrieben, um sie mit Eicheln und Bucheckern zu mästen. In Notzeiten wurden Bucheckern auch von Menschen gesammelt und zu Öl gepresst. Bauern verwendeten über Jahrhunderte die im Herbst abfallenden Blätter als Einstreu für das Vieh. Die sehr gut zersetzbare Laubeinstreu wurde anschließend als Dünger auf die Felder gebracht. Natürlich müssen die Bucheckern auch die Verjüngung des Buchenwaldes sichern.

  Links ein Buchenblatt, rechts das Blatt einer Hainbuche – die keine Buche ist, sondern zur Gattung der Birkengewächse gehört.

Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde Buchenholz in Teeröl getränkt und als Eisenbahnschwellen eingesetzt; mittlerweile sind sie durch Betonschwellen abgelöst. Mit der Erfindung spezieller Furniermaschinen, die das Holz „abschälen“, wurde die Entwicklung der Sperrholzproduktion eingeleitet. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat die Industrie mit hochfesten Furnierplatten für den Karosseriebau oder mit besonderem Designer-Formholz erreicht. Auch Span-, Faser- und OSB-Platten sind mittlerweile fast traditionelle Einsatzbereiche für das Holz der Rotbuche. In den vergangenen Jahren ist Buchen-Massivholz auch ein „Modeholz“ für den Möbelbau geworden. Erster professioneller Erbauer für Möbel aus Buchenholz war vor über 100 Jahren die Firma Thonet: Weltruhm erlangte sie mit dem populären „Wiener Kaffeehausstuhl“.

So gut wie heute war die Zeit für die Buche nicht immer. Doch in Naturräumen wie dem Keller- und dem Reinhardswald oder dem Vogelsberg ist die Buche ein landschaftsprägender Baum geblieben. Sie hat besondere Wertschätzung durch die Ausweisung der Nationalparke Hainich, Eifel, Jasmund und Kellerwald sowie durch die Aufnahme in die Unesco-Weltnatur­erbeliste erfahren. Seit rund zwanzig Jahren erschließt sie sich als Mischbaumart auch Zugang zu Nadelholzbeständen aus Fichten und Douglasien.

Mutter des Waldes

Aber auch im Wirtschaftswald wird nicht jede starke Buche geerntet. Der Landesbetrieb Hessen-Forst hat für die von ihm verwalteten staatlichen Forsten festgeschrieben, dass in Laubholzbeständen, die älter als 120 Jahre sind, alle Laubbäume mit Stamm-, Asthöhlen oder Horsten von Großvögeln erhalten bleiben. Sind keine Höhlen­bäume vorhanden, werden je Hektar drei starke Laubbäume aus der forstlichen Nutzung genommen. Sie bieten dann im Alter Pilzen, Flechten, Moosen, Insekten, Weichtieren und anderen Organismen, die an Bäume hoher Reifegrade oder an sich zersetzendes Holz angepasst sind, einen Lebensraum. Der europaweit geschützte Eremitenkäfer nutzt beispielsweise den zersetzten Holzmulm in Baumhöhlen und ist in den Wäldern am Edersee ein ­schöner Repräsentant der Gilde der Totholzbewohner an Buchen.

Gern und häufig zimmert der Schwarzspecht seine Höhlen in Buchenstämme. Da er regelmäßig Ersatzhöhlen anlegt, schafft er in großem Umfang auch Rast- und Fortpflanzungsquartiere für andere Tierarten wie Fledermäuse, Raufußkauz, Dohlen oder die Hohltaube. Buche und Specht sichern so einer Vielzahl anderer Tiere das Überleben. Buchen tragen auch Horste von Großvögeln wie dem Schwarzstorch. Zwei Paare des scheuen Waldvogels haben 2011 im Forstamtsbereich Vöhl ihre Brut erfolgreich beendet.


Nächster Artikel
Nächster Artikel

Anzeige




Anzeige

WLZ-FZ bei facebook


Facebook

Anzeige

Aktuelle Umfrage

Praxisgebühr

Seit Wochen wird in der Politik darüber diskutiert, ob die Praxisgebühr für gesetzliche Krankenversicherte abgeschafft werden soll. Halten Sie die Gebühr, die pro Quartal zu zahlen ist, für sinnvoll?

Buntes

Preußen-Diamant

„Beau Sancy“ für 7,5 Millionen Euro versteigert

Der Diamant „Beau Sancy“ ist für 7,5 Millionen Euro versteigert worden.

Über vier Jahrhunderte schmückten sich königliche Häupter mit dem Edelstein: Zuletzt die letzte deutsche Kaiserin Auguste Victoria. Jetzt wurde der millionenschwere und geschichtsträchtige Diamant in Tropfenform mit Doppelrosenschliff versteigert. mehr

KommentareKommentar/e



Lokale Nachrichten von Bürgerreportern

myheimat.de

Die lokale Mitmach-Plattform unserer Zeitung: Bürger berichten aus Ihrem Heimatort. Die besten Beiträge werden in Ihrer Zeitung abgedruckt. mehr


 

Gesundheitsportal


Gesundheitsportal

Terminkalender




Leben in unserer Region

Leben in unserer Region

Die Serie der Waldeckischen Landeszeitung / Frankenberger Zeitung gemeinsam mit dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, sowie der Sparkasse Waldeck-Frankenberg. mehr