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November: Die Fichte

Nadelbaum ist Waldbauerns Liebling

Die Vereinten Nationen haben 2011 zum internationalen Jahr der Wälder erklärt. Aus diesem Anlass stellen Förster des Forstamts Vöhl in der WLZ-FZ jeden Monat ihren Lieblingsbaum vor. Heute erzählt Revierförster Stephan Berens von der Fichte.
Fichten an einer Weide

Nebeltrübe Novemberstimmung: Fichten an einer Weide mit Kühen bei Dalwigksthal.

© Lutz Benseler

Lichtenfels - Dalwigksthal. Die Fichte (Picea abies (L.) Karst) – ein ungeliebter Baum? Eichen und Linden sind die Bäume, die die Seele der Dichter anrührten. Sie werden in unzähligen Liedern besungen, und in vielen Gedichten wird von ihrem Zauber geschwärmt. Weit prosaischer gehen Kunst und Literatur jedoch mit der Fichte um: Sie inspiriert die Musen offensichtlich weit weniger als unsere viel besungenen Laubbäume. Und wenn, dann ist oft eine gehörige Portion Kritik dabei:

 „Ich zog … meinen Freund in die Wälder, und indem ich die einförmigen Fichten floh, suchte ich jene schön belaubten Haine, die sich zwar nicht weit und breit in der Gegend erstrecken, aber doch immer von solchem Umfange sind, dass ein armes verwundetes Herz sich darin verbergen kann“, schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ und Robert Musil fragt beispielsweise: „Gibt es denn nicht gelehrte Kenner der Natur, welche wissen, daß die Eiche – heute ein Sinnbild reckenhafter Einsamkeit – einst in unabsehbaren Heeren ganz Deutschland überzogen hat? Dass die Fichte, welche jetzt alles andere verdrängt, ein später Eindringling ist?
In Gegenden, wo Fichten keine „Eindringlinge“ sind, wie etwa im Alpenraum, im Schwarzwald, im Bayerischen und im Böhmerwald, erfreuen sich die Bäume allerdings größerer Sympathie. Der in Oberplan in Südböhmen geborene Adalbert Stifter schwelgt zum Beispiel von der „Lieblichkeit und dem Ernst, die über den ruhenden dämmerblauen Massen des Hochwaldes schweben“ und hat der Fichte, dem Charakterbaum des Böhmerwaldes, ein liebevoll melancholisches literarisches Denkmal gesetzt: „Stehst noch immer da, o Fichte / Düstergrüner Baum. / Stehst im feuchten Mondenlichte, / Rührst die Zweige kaum. / Senkst die schweren Äste nieder, / Wohnet Wehmut drin –  / Grüne Lichter streifen wieder / Durch die Nadeln hin. / Auch die Nachbarn stehn noch alle /Rings im alten Chor, / Stehn zu weißer Mondeshalle / Schwarzgezackt empor …“

Fichte oder Tanne?

Der Name Fichte geht auf das althochdeutsche Wort fiohta für rot zurück. Im Volksmund wird sie wegen ihrer rötlichen Rindenfärbung auch Rottanne genannt, ohne freilich im botanischen Sinne eine Tanne zu sein. Seit dem Mittelalter ist Tanne bereits eine gängige Bezeichnung für nahezu alle Nadelbaumarten. Man unterschied die verschiedenen „Tannenarten“ oft einfach mittels zusätzlicher Attribute, wie Farbe, dem bevorzugten Wuchsort oder der Größe. Auch der als Tannenbaum besungene Weihnachtsbaum ist oft eine Fichte.

Brotbaum der Forstwirtschaft

Keine Baumart ist in Mitteleuropa für die Versorgung der Holzindustrie und des Handwerks sowie den wirtschaftlichen Erfolg der Forstbetriebe so bedeutend wie die Fichte. Dass sich der Baum so durchsetzen konnte, verdankt er seinem geraden Wuchs, dem guten Wachstum, seiner Anspruchslosigkeit und der vielseitigen Verwendbarkeit des Holzes. Was wird nicht alles aus Fichtenholz hergestellt: Balken, Bretter, Latten, Span-, Faser- und Sperrholzplatten, Furnier, Papier und Zellstoff oder Resonanzholz für Streich- und Zupfinstrumente sind bei Weitem nicht alle möglichen Verwendungen für das Fichtenholz.
Von welch grundlegender Bedeutung der Baum für den Waldbesitzer ist, lässt sich mit wenigen Zahlen veranschaulichen. Die Fichte nimmt in Deutschland etwa ein Drittel der Waldfläche ein, produziert aber mehr als die Hälfte des jährlichen Gesamtaufkommens an Holz: eine beeindruckende Flächenproduktivität!  Auch für die Waldbesitzer in Waldeck-Frankenberg werden ihre Fichtenbestände auf lange Sicht eine tragende Säule ihrer Forstbetriebe bleiben. Die Verknappung des Angebotes an Fichtenholz durch die schweren Stürme der vergangenen Jahre und durch Kapazitätsausweitungen der verarbeitenden Industrie haben die Wertschätzung für diesen vielseitigen Roh- und Werkstoff noch gesteigert.

Leidender Baum

So durchschlagend diese Bilanz der Fichte auch ist, leider wird auch keine Baumart  bei uns so häufig und intensiv von Katastrophen heimgesucht wie die Fichte. Von den schweren Stürmen wie Kyrill, Emma oder Xynthia war schon die Rede. Aber da sind auch noch Borken-, Bock- und Rüsselkäfer, Läuse, Blattwespen, Schmetterlingsraupen, Pilze und nicht zu vergessen Reh und Hirsch. Sie fressen an Nadeln, Zweigen und Rinde, beschädigen sie oder verursachen Wundfäulen. Oft hat der Fichtenanbau außerhalb der ihr zusagenden Bergwälder solche Risiken noch verschärft. Denn hier begünstigen größere Wärme und Niederschlagsarmut die Anfälligkeit des Baumes gegenüber seinen natürlichen Widersachern und den Unbilden des Klimas. Mit dem weiteren Fortgang der globalen Erwärmung werden übrigens Fichtenbestände in den trockenwarmen Teilen des Landkreises wie am Edersee oder an Orke und Itter nicht zu halten sein.

  Förster Stephan Berens  mit einer jungen Fichte.

Warum, so fragt man sich, ist denn die Fichte überhaupt in Bereichen angepflanzt worden, wo sie sich dauerhaft nicht wohlfühlt und so besonderen Risiken ausgesetzt ist? Bis in das 20. Jahrhundert hinein war Holz auf den Dörfern der wichtigste Baustoff. Als Bauholz geeignet waren nur die Eichen und wenige geradwüchsige Kiefern. Im Jahre 1833 beschreibt der Oberförster Werner aus Altenlotheim den Bürgermeistern im Kreis Vöhl die „Unzulänglichkeit des Bauholzvorrats im hiesigen Forste“. Danach kamen nur etwas mehr als zehn Prozent des Holzvorrats als Bauholz in Betracht. Die nachhaltig nutzbare Gesamtholzmenge im Forstamtsbereich Vöhl betrug gerade einmal 1,5 Festmeter je Jahr und Hektar! Dass heutzutage fast die fünffache Holzmenge nachhaltig geerntet werden kann, ist auch dem Vorratsaufbau unserer Wälder mit der anspruchslosen, aber vielseitigen Fichte zu verdanken. Die großen Kahlschläge, die in den ersten Nachkriegsjahren als „Reparation“ für die Alliierten zu tätigen waren, konnten auch nur deshalb schnell wieder aufgeforstet werden, weil Pflanzmaterial von Fichten verfügbar war und Fichten unter der starken Sonneneinstrahlung, Verdunstung und den Frösten auf den großen Freiflächen weniger leiden als andere Baumarten. Die heute 70-jährigen Fichtenbestände erinnern also auch an Notzeiten, die zu lindern sie nicht unwesentlich beigetragen  haben.

Zukunft Mischwald

„Willst du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten, nichts als Fichten“, lautet eine oft zitierte Kritik, deren wahrer Kern in dem Umstand liegt, dass Fichten in der Vergangenheit häufig nicht nur auf großen Flächen, sondern auch im Reinbestand angebaut wurden. Hat unter solchen Bedingungen einmal ein Schädling Fuß gefasst, ist es für ihn ein Leichtes, sich quasi von Baum zu Baum weiter vorzuarbeiten, bis ihm schließlich der gesamte Bestand zum Opfer gefallen ist. Der Fichtenwald der Zukunft soll daher ein Mischwald sein, an dem Buchen, Bergahorn oder auch Ebereschen beteiligt sein können, der stufig aufgebaut ist und sich durch den Samenwurf der Altbäume selbst erneuert. Er wird sich mit Blick auf den Klimawandel auf Bereiche mit ausreichenden Niederschlägen und frischen, gut durchlüfteten Böden beschränken. Wenngleich Fichtenwälder in unseren Breiten Kulturlandschaft, also vom Menschen angelegt und gepflegt sind, haben sich Tiere und Pflanzen auch auf das Vorhandensein von Fichten eingestellt.

Heimat für Schwarzspechte

Bei Untersuchungen in den Vogelschutzgebieten Burgwald und Kellerwald hat sich herausgestellt, dass im an Nadelbäumen reicheren Burgwald mehr Schwarzspechte leben können als im buchenbetonten Kellerwald. Sie finden im Burgwald nämlich neben den Höhlenbäumen, die meist Buchen sind, viel leichter Nahrung an Holz bewohnenden Ameisen, die sich meist in Fichten oder Kiefern entwickeln. Sperber und Sperlingskauz brüten auf  bzw. in Nadelbäumen. Der Fichtenkreuzschnabel, ein Finkenvogel, ernährt sich von Fichtensamen. Siebenstern, Einblütiges Wintergrün und Fichtenspargel sind botanische Besonderheiten des Fichtenwaldes. Auch das Totholz der Fichte ist lange unterschätzt worden, bietet es doch rund 200 Käfer- und 200 Zweiflüglerarten Lebensraum. Außerdem ist moderndes Fichtenholz ein ideales Substrat für die Walderneuerung, da sich hier gern und erfolgreich Jungbäume ansamen.

Stattliche Bäume

Im Freistand erreicht die Fichte eine Höhe von etwa 30 bis 40 Metern, während sie im Waldverband in Konkurrenz mit anderen Bäumen eine Wuchshöhe von fast 60 Metern erreichen kann. Im Naturwald können Fichten bis zu 600 Jahre alt werden. Bei Göschenen im Schweizer Kanton Uri findet sich die aktuell wohl stärkste beschriebene Fichte in Mitteleuropa mit einem Umfang von 5,88 Metern und einer Höhe von 41,5 Metern. Die Nadeln der Fichte sind fünf bis 25 Millimeter lang, sehr dicht, stehen spiralig am Zweig und verbleiben dort etwa fünf bis sieben Jahre. Im Gegensatz zu den Tannenzapfen hängen die der Fichte vom Zweig. Nach der Abgabe der Samen fallen die Zapfen als Ganzes vom Baum, während man bei Tannen ausschließlich Zapfenschuppen am Waldboden findet.

Die Schönheit und Stattlichkeit von Fichten werden in gemischten und stufigen Wäldern besonders zum Ausdruck kommen und die Fichte damit hoffentlich aus ihrer unverdienten Rolle als Prügelknabe des deutschen Waldes herausholen. Immerhin war sie im 19. Jahrhundert schön genug, viele Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich zu zieren.


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