Charakteristisch die Blattform der Erle: wie ein auf dem Kopf stehendes Ei mit Kerbe. Foto: Schuldt
von Matthias Schuldt
Waldeck-Frankenberg. Mit lateinischem Namen Alnus glutinosa L. ist sie eine von drei in Mitteleuropa heimischen Erlenarten. Neben der ebenso in Europa vorkommenden Grün- und Grauerle gibt es noch die im westlichen Nordamerika heimische Roterle. Die Schwarzerle verdankt ihren Namen ihrer im Alter zerklüfteten, schwarz gefärbten Schuppenborke.
Aufgrund ihrer besonderen Fähigkeit, vernässte Böden zu besiedeln, ist sie die Charakterbaumart der Moore, Brüche und entlang der Bäche. Das war einer der Gründe, die Schwarz-erle 2003 zum Baum des Jahres zu küren, um auf diese ökologisch wertvollen Biotope aufmerksam zu machen.
Die Schwarzerle zählt wie beispielsweise Lärche und Birke zu den sogenannten Pioniergehölzen. Als „Erstbesiedler“ von Freiflächen zeigt sie ein rasantes Wachstum in der Jugend, verbunden mit einem ausgesprochen hohen Lichtbedürfnis. Ihr Höhenwachstum lässt jedoch rasch nach und mit etwa 100 bis 120 Jahren erreicht sie mit 25 bis 30 Metern Höhe ihr biologisches Höchstalter. „Die Wuchsform der Krone entspricht einer Pyramide“, erklärt Martin Christian Franke vom Forstamt Vöhl: „Allerdings sieht man diese Kronenform kaum, weil Erlen fast nie allein stehen, sondern in Gemeinschaften vieler Erlen.“
Sie plagt früh die Allergiker
Aufgrund ihrer Eigenschaften benötigt die Schwarzerle für ihre natürliche Vermehrung in unseren Wäldern entsprechend unbestockte Flächen, zumindest jedoch größere Lücken oder Bestandslöcher. Das ist einer der Gründe, aus denen der aufmerksame Wanderer die Schwarzerle in den überwiegend in Waldeck-Frankenberg wachsenden Wäldern kaum in größerer Zahl finden wird. Sie ist anderen Baumarten gegenüber schlichtweg konkurrenzschwach.
Die Schwarzerle zählt zu den im Jahresverlauf am frühesten blühenden Baumarten. Dies erfahren jährlich etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit Pollenallergien, die an der Frühblüherpollinosis leiden. Die weiblichen und männlichen Fruchtstände werden bereits im Frühsommer des Vorjahrs angelegt und überdauern gemeinsam am Baum den Winter. Daran erkennt man, dass die Schwarz-erle einhäusig getrenntgeschlechtlich ist, das heißt, männliche und weibliche Fruchtstände kommen getrennt an einem Baum vor. Während des Heranreifens der Früchte verholzt der Fruchtstand, der botanisch als Zapfen bezeichnet wird, aber für Laubbäume untypisch ist. Die winzigen Samen besitzen luftgefüllte Polster, die ihnen eine schwimmende Verbreitung entlang der Gewässer oder über den Luftweg ermöglichen. Hierbei kommt der Schwarzerle die Langlebigkeit ihrer Samen mit bis zu zwölf Monaten zugute.
Baumart mit besonderen Fähigkeiten
Aufgrund ihrer Wuchsdynamik ist die Schwarzerle gegenüber anderen heimischen Baumarten wie beispielsweise der Buche nicht konkurrenzfähig. Sie ist jedoch in der Lage, vernässte oder überschwemmte sowie nährstoffärmere Standorte zu besiedeln. Dies sind Orte, an denen andere Baumarten aufgrund des Sauerstoffmangels im Boden nicht mehr wachsen können. Die Schwarzerle jedoch kann sich diese ökologischen Nischen erschließen. Für diese Eigenart sind zwei besondere Fähigkeiten entscheidend.
Die Schwarzerle besitzt in ihrer Rinde Atemöffnungen, sogenannte Lentizellen. Hierüber kann sie ihre Wurzeln auch während Überflutungsperioden mit dem lebensnotwendigen Luftsauerstoff versorgen.
Darüber hinaus bildet die Schwarzerle an den Wurzeln der oberen Bodenhorizonte knollenartige Anschwellungen (sogenannte Rhizothamnien) von Stecknadelkopf- bis Apfelgröße. Darin beherbergt sie das Bakterium Frankia alni. Baum und Bakterium bilden eine Lebensgemeinschaft, eine Symbiose. Hierbei versorgt die Schwarz-erle das Bakterium mit dem für es lebensnotwendigen Traubenzucker, einem Produkt aus der Photosynthese. Im Gegenzug bindet das Bakterium aus der Umgebungsluft Stickstoff und gibt diesen an die Pflanze ab.
Aus Tod wächst Leben
Die zuvor genannten Eigenschaften ermöglichen es der Schwarzerle, Moor- und Bruchwälder sowie ufernahe Bachränder zu besiedeln. Sie prägt Hainmieren-Schwarzerlenwald, Schwarzerlen-Eschenwald, Grauerlen-Auewald, Schwarzerlen-Eschen-Sumpfwald. Häufig ist auch vom „Erlenbruch“ die Rede, denn umgestürzte, gestorbene Bäume prägen an vielen Standorten den Lebensraum. Das Auffällige: „Aus den abgestorbenen Stämmen wachsen neue, junge Erlen nach“, erklärt Franke.
Ausputzer für Maschinen
Neuartige Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Schwarzerle neben den oben genannten Eigenschaften auch die Fähigkeit besitzt, Böden wieder zu durchwurzeln, die von schweren Erntemaschinen so verdichtet werden, dass über längere Zeit keine andere Baumart diese Flächen besiedeln kann. Die Erle kann durch ihre Pionierarbeit auf solchen Standort unter Umständen wieder den Weg für Buche und Co, frei machen. Dazu sind jedoch weitere Untersuchungen vonnöten, bevor die Förster gezielt Erlen in solchen Fällen aufforsten.
Je nach Standort bildet die Schwarzerle ein Pfahl- bis ausgeprägtes Herzwurzelsystem. Ihre Wurzeln breitet sie dabei bis zu vier bis fünf Meter von der Stammbasis entfernt aus. Mit dieser Fähigkeit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur natürlichen Uferbefestigung und gegen Wassererosion. Das Holz der Schwarzerle kann aufgrund guter Bearbeitungseigenschaften äußerst vielseitig verwendet werden. Es ist relativ leicht und lässt sich mühelos sägen und schälen. Direkt nach der Ernte weist es eine leicht bräunliche Farbe auf, die in Verbindung mit Sauerstoff jedoch bald durch ein kräftiges Rot abgelöst wird. Dieser Umstand führt häufig fälschlicherweise zu der Namensgebung „Roterle“.
Aufgrund der hervorragenden Eigenschaften wird das Holz der Schwarzerle mittlerweile zum Bau hochwertiger Massivholzmöbel und zur Herstellung von Furnieren verwendet. Dabei erreichen Spitzenqualitäten durchaus das Preisniveau einheimischer Edellaubhölzer im Bereich von 500 bis 1000 Euro pro Kubikmeter. In früheren Zeiten nutzte man das Holz der Schwarzerle zur Herstellung von Holzschuhen. Steinzeitkulturen setzten sie bei Pfahlbauten ein wegen ihrer Widerstandskraft gegen Nässe.
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