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Juni: Die Linde

Enge Begleiterin der Menschen

Die Vereinten Nationen haben 2011 zum internationalen Jahr der Wälder erklärt. Aus diesem Anlass stellen Förster des Forstamts Vöhl in der WLZ-FZ jeden Monat ihren Lieblingsbaum vor. Heute
erzählt Försterin Marita Norkowski von der Linde.
Linde am Urwaldsteig

Linde am Urwaldsteig

Vöhl. Mitten im Ort pflanzten die Menschen im Mittelalter große Linden. Die sollten ihnen an kalten Tagen und bei Regen ein Dach über dem Kopf bieten, wenn Gericht gehalten wurde. Das nämlich musste unter freiem Himmel stattfinden. In vielen Orten wachsen seitdem die starken, blattreichen Bäume, viele Schicksale haben sie gesehen – wie die Basdorfer Gerichtslinde. Die letzte öffentliche Hinrichtung übrigens fand am 20. Januar 1859 an der Göttinger Gerichtslinde statt und wurde mit dem Schwert vollzogen. Die Dienstmagd hatte den Bäckermeister, der ihr die Ehe versprochen hatte, vergiftet.

Vöhler Lindenberg

Doch auch längst vor der Einrichtung öffentlicher Gerichte hatte die Linde in Europa Geschichte geschrieben: Lange vor der Eiszeit war sie hier heimisch und in der Eichenmischwaldzeit (5500 bis 2500 v. Chr.) weit verbreitet. Damals herrschten Laubmischwälder aus Eiche, Ulme, Linde und Esche vor. Bedingt durch den Wechsel zu einem kühleren und feuchteren Klima in der Nachwärmezeit (2000 v. Chr.) begann der Siegeszug der Buche. Sie verdrängte nach und nach die bisher vorherrschenden Laubbaumarten auf wenige Relikt- und Sonderstandorte. So sind heute natürlicherweise die Wälder lindenärmer geworden, man muss schon genau hinsehen, will man bei einem Waldspaziergang einmal eine Linde entdecken. Die Linden bilden eine eigene Pflanzenfamilie innerhalb der Ordnung der Malvenartigen. Die Verbreitungsgebiete von Sommer- und Winterlinde umfassen den größten Teil von West-, Mittel- und Osteuropa, wobei die Sommerlinde im Süden und Westen über die Winterlinde hinausragt.Im Norden und vor allem im Osten bleibt sie jedoch weit hinter dieser zurück. Schwerpunkte des Lindenvorkommens finden sich im Baltikum und in Ostpreußen, weitere an der nordwestdeutschen Tieflandschwelle in der Umgebung von Gifhorn, im Niederrheingebiet westlich von Köln sowie im Vogelsberg und Pfälzer Wald.

    Marita Norkowski

Die Sommerlinde kann Wuchshöhen von bis zu 40 Metern erreichen und Stammdurchmesser bis zu 1,8 Meter und bis zu 1000 Jahre alt werden. Der Volksmund sagt, dass Linden „dreihundert Jahre kommen, dreihundert Jahre stehen und dreihundert Jahre vergehen“. Das Geheimnis ihrer Langlebigkeit ist zum einen ihre enorme Fähigkeit, aus dem Stock wieder auszutreiben. Zum anderen können Äste von greisen Bäumen, wenn sie den Boden berühren, sich dort verankern und einen neuen Spross bilden, auch wenn der Baum abstirbt.

Beide Lindenarten gelten hinsichtlich der Lichtansprüche als Halbschattbaumarten, wobei die Winterlinde mit weitaus weniger Licht zurechtkommt als die Sommerlinde. Sie kommt auch mit weniger Wärme aus und verträgt lufttrockenere Lagen. Die Sommerlinde liebt luftfeuchte Schluchten und kann sich auf schuttreichen Hangstandorten aufgrund ihrer hohen Austriebskraft gegenüber anderen Baumarten durchsetzen.
Diese recht selten vorkommenden Standorte findet man an der Eder und ihren Zuflüssen, die sich zum Teil sehr tief in die Landschaft eingegraben haben. Im Revier Vöhl haben sie dem Lindenberg seinen Namen gegeben. Er ist der südlich der Hünselburg gelegene Berggrat aus Schiefer- und Grauwackenfels, der als Halbinsel zungen-förmig in den Edersee hineinragt. Auf dem abwechslungsreichen Relief dieses Berges findet man klein- und mosaikförmig verzahnt Linden-Ahorn-Hang- und Schluchtwälder mit ausgedehnten Blockhalden, Hainsimsen- und Waldmeister-Buchenwälder und nicht zuletzt auch Eichen-Hainbuchenwälder.

Der aufmerksame Wanderer wird feststellen, dass hier sowohl Sommer- wie auch Winterlinden wachsen: Während die Sommerlinden zusammen mit Bergahorn, Spitzahorn, Ulmen und Eschen Schluchtwälder bilden oder zusammen mit Traubeneichen die vielen Blockhalden zum Edersee hin umrahmen, stehen die Winterlinden eher einzeln eingemischt mit Vogelkirschen und Feldahornen in den Waldpartien, die von Hainbuchen geprägt sind.

    Gerichtslinde in Basdorf

Im Jahr 1977 ist der Lindenberg als Naturschutzgebiet „Hünselburg“ ausgewiesen worden. Seither wird hier auf eine forstliche Nutzung verzichtet. Anlass der Unterschutzstellung war damals der Schutz einer großen Graureiherkolonie. Nachdem die Reiher einen anderen Brutplatz gefunden hatten, liegt das Augenmerk nun auf den vielfältigen und kleinräumig wechselnden seltenen Waldgesellschaften mit ihren floristischen und faunistischen Besonderheiten. (r/resa)


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