Sonnendurchlässige Eschen: Vor allem an den Nebenarmen des Edersees fühlen sich die Bäume wohl. Foto: Theresa Demski
Vöhl. Am Strand des Nordmeers trafen Göttervater Odin und seine Brüder Wili und We auf zwei Bäume, aus denen sie die Menschen erschufen. Ask, die Esche, wurde zum Mann und Embla, die Ulme, zur Frau. Von We erhielten die beiden Antlitz, Sprache, Gehör und Sehvermögen, von Wili Witz und Gefühl und Odin schließlich gab ihnen Seele und Leben.
Die Esche ist also das Holz, aus dem der Urmann „geschnitzt“ ist, und „männlich“ ist auch sein Verwendungszweck. Unsere Vorfahren stellten daraus Lanzen, Speere, Bögen, Pfeile, Arbeits- und Transportgeräte her. Handwerk, Jagd, Schutz vor Wildtieren, Mobilität und Kriegsführung wurden durch das zähe und elastische Eschenholz vielfach erst ermöglicht.
Viele Heldengeschichten ranken sich um die Esche: So soll der trojanische Held Aeneas nach dem Untergang seiner Heimatstadt und langer Seefahrt schließlich in Italien an Land gegangen sein und hier mit seinen Gefährten zuerst Eschenholz zur Waffenfertigung gesucht haben. Die Lanze, mit der zuvor beim Kampf um Troja Achilles den trojanischen Helden Hektor tötete, war – man ahnt es – ebenfalls aus Eschenholz. Auch Vater-Sohn-Konflikte sind mit Eschen ausgetragen worden, wie uns das Hildebrandslied erzählt. Als sich Hildebrand und sein Sohn Hadubrand auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden, ließen sie „die Eschen schmettern in scharfen Schauern, dass es in den Schilden stand“. Die Eschen werden so zu Metaphern für die Lanzen, die im Duell die Schilde durchdringen.
Ein alter Europäer
Bereits für die Kreidezeit (vor 145 bis 65 Mio. Jahren) konnten Eschen in Grönland nachgewiesen werden, und für das anschließende Tertiär gibt es schon viele Nachweise auf der gesamten Nordhalbkugel. „Also sind schon die Dinosaurier unter Eschen gelaufen“, erzählt Forstamtsdirektor Eberhard Leicht schmunzelnd und streicht über die raue Rinde des Baumes.
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| Eberhard Leicht |
Eine lange Geschichte liege hinter der stolzen Esche, erklärt er. Denn nachdem sie während der Eiszeiten aus Mitteleuropa verdrängt worden war, schaffte sie es, zwischen 7000 und 6000 v. Chr. zusammen mit anderen Eichenmischwaldarten aus den Refugien in Süd- und Südwesteuropa in unsere Breiten zurückzukehren.
Zum Höhepunkt der Eichenmischwaldzeit vor rund 6000 Jahren waren Eschen in Mitteleuropa weit verbreitet und allgemein viel häufiger als heute. Dem Siegeszug der stark dominierenden Buche vor 4500 Jahren musste schließlich auch die Esche Tribut zollen. „Heute finden wir sie auf günstigeren Standorten am ehesten dort, wo es der Buche zu feucht oder auch zu trocken ist“, sagt Leicht.
Solche Standorte finden sich in den Flusstälern, im Mittelgebirge, aber auch in den Alpen, wo sie noch auf Höhen von 1600 Meter gedeiht. Für ein optimales Wachstum benötigen die Bäume mineralische, tiefgründige und frische Böden, luftfeuchte Lagen und ein hohen Lichtgenuss. Allerdings findet man sie auch auf eher trockenen Kalkverwitterungsböden, wie zum Beispiel im Nordwaldecker Muschelkalkgebiet oder im Zechsteinband, das sich von der Korbacher Spalte nach Südosten bis Lieschensruh erstreckt.
Am Edersee zu Hause
Für ein wirklich gutes Wachstum ist aber eine ausreichende Wasserversorgung unerlässlich, da die Esche zu den Baumarten gehört, die am stärksten transpirieren. Im Hinblick auf das bloße Überleben sind die Anforderungen an die Wasserversorgung allerdings nicht besonders hoch. Dennoch bedecken Eschenbestände nicht einmal ein Prozent der Waldfläche in Waldeck-Frankenberg. „Wohl fühlen sich die Eschen vor allem an den Nebenarmen des Edersees“, erzählt Leicht und denkt an ein besonders schmuckes Waldstück in der Gemarkung Asel. Dort stehen Eschen und Buchen in direkter Nachbarschaft.
So vielfältig die infrage kommenden natürlichen Standorte für die Esche sind, so vielfältig sind auch die Waldtypen, in denen sie heimisch ist. Im Allgemeinen werden vier Mischwälder genannt, die von Eschen geprägt sind: Der Eschen-Ahorn-Schattenhangwald, der Lerchensporn-Eschen-Ahorn-Talsohlenwald, der Ahorn- Eschen- Hangfußwald und der Eschen- Bachrinnenwald.
Als eine Begleiterin findet sich die Esche auch in Waldmeister-Buchenwäldern und Kalk- Buchenwäldern. Sie kann sich hier in der Konkurrenz mit Buchen und anderen Waldbäumen behaupten, weil sie fast jedes Jahr blüht, unendlich viel Samen produziert und Sämlinge ausbildet, die in den ersten Jahren enorm viel Schatten vertragen. So schafft sie es, dass auch bei Vorherrschen der Buche immer einige Eschen in Altbeständen vertreten sind. Können sie einmal eine Kahlfläche besiedeln, finden sich dort sehr schnell mehrere Zehntausend Sämlinge ein. Dennoch bildet sie von Natur aus keine Reinbestände aus. Für den Förster sind nun gerade jene Bereiche interessant, wo Eschen nicht einzeln vorkommen, sondern gemeinsam in größeren Gruppen herangewachsen sind, denn hier entwickeln sie die besten Qualitäten. Sie sind geradwüchsig und astrein.
Das im Zentrum häufig hellbraun bis oliv getönte Holz ist ringporig und sehr wertvoll. Die Zugfestigkeit von Eschenholz ist mehr als doppelt so hoch wie bei Eiche oder Ulme. Auch die Biegefestigkeit und Schlagzähigkeit sind deutlich größer als bei Eiche. Das prädestiniert Eschenholz geradezu für den Einsatz unter höchsten Belastungen. Aus Esche werden Werkzeugstiele und Sportgeräte hergestellt, aber auch Biegemöbel, deren Holz unter Einsatz von heißem Wasserdampf geformt wird. Traditionell war Esche einer der Hauptwerkstoffe der Wagner und Stellmacher. Sie wurde zu Reifen, Schlittenkufen, Achsen, Felgenteilen und Deichseln verarbeitet. Und schließlich auch zu Waffen wie Bögen und Speeren. Historisch von Bedeutung war die Nutzung des nährstoffreichen Laubs als Winterfutter für das Vieh.
Ein stattlicher Baum
Die Esche kann bis zu 40 Meter hoch und zwei Meter stark werden und im Freistand eine schöne kugelförmige Krone ausbilden. Ihre Belaubung besteht aus Fiederblättern, die zu vier bis acht Fiederpärchen und einem endständigen Fiederblatt an einem grünen Blattstiel sitzen. Die Blätter der Esche verfärben sich vor dem herbstlichen Laubfall nicht, sondern fallen grün vom Baum. „Eschen lassen viel Licht auf den Boden fallen, weil das Laub nicht so dicht ist“, erklärt der Forstamtsleiter. So wachsen auch am Boden im Waldstück bei Asel viele Pflanzen und die Sonne spielt auf den Gesichtern von Blumen und Wanderern.
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| Die Blätter der Esche |
Die dadurch häufig eintretende Vergrasung allerdings sieht der Förster nicht so gern, da sie das Aufkommen von Jungwuchs verhindert, die Vermehrung von Mäusen begünstigt und auch Wasserkonkurrenz für die Waldbäume sein kann. Auf den meist gut mit Stickstoff versorgten Böden ist der Baum nicht darauf angewiesen, Nährstoffe vor dem Laubfall aus den Blättern zu ziehen.
Die Esche und der Sommer
Die Esche gilt als robust gegenüber Krankheiten und Umweltveränderungen. Sie wird von vielen Insekten, Viren und Bakterien befallen, aber nicht existenziell bedroht. Auffällig ist der Eschenkrebs, der das Gewebe von Holz und Rinde krankhaft verändern kann. Hier sind entweder Bakterien oder Pilze im Spiel. Ein in Forstkreisen gut bekanntes Insekt ist die Eschen-Zwieselmotte. Ein neuartiges Schadensphänomen der letzten Jahre ist jedoch das Eschentriebsterben. Überall in Nord- und Mitteleuropa sind bedrohliche Schadsymptome an Eschen auszumachen, der Erreger hat auch bereits Hessen erreicht und vereinzelt Schaden angerichtet.
Bekannt ist die Esche übrigens auch durch alte Bauernregeln. Dort heißt es: „Grünt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer große Wäsche. Grünt die Esche vor der Eiche, hält der Sommer große Bleiche.“ In diesem Jahr dürfte wohl die Esche das Rennen gemacht haben.
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