Die stattlichste Tanne im Wildunger Stadtwald. Damit künftig noch mehr dieser Bäume ein solches Alter (150) und die Höhe erreichen, werden Jungpflanzen gegen Wild geschützt.
von Markus Sarrazin
Bad Wildungen. Das aus dem Schlesischen stammende alte Lied vom Tannenbaum wurde erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch Bearbeitung und Erweiterung zu einem populären Weihnachtslied. Belegt ist, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Gegend von Schlettstadt im Elsass Tannenbäume zur Weihnachtszeit geschlagen wurden. Aus der Zeit um 1600 stammen die ersten Berichte aus Schlettstadt und Straßburg über die Dekoration von Weihnachtsbäumen:
„Gehenckete Roßen“
„Auff Weihenachten richtett man Dannenbäum zu Strasburg in den Stuben auff; daran hencket man Roßen auß vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgolt, Zucker usw. Man pflegt darum ein viereckend Ramen zu machen“.
Das besondere Verhältnis von Tanne und Mensch reicht allerdings viel weiter zurück. Bei den Germanen wurden die immergrünen Zweige als Fruchtbarkeits- und Lebenssymbol angesehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende legten sie deshalb Tannenzweige auf öffentliche Plätze und vor ihre Behausungen.
Seit Antike Arzneipflanze
Seit der Antike wird die Weißtanne als Arznei- und Heilpflanze genutzt. Das Harz wurde zur Behandlung von Rheuma oder zur Beschleunigung der Wundheilung verwendet. Im 16. und 17. Jahrhundert verabreichte man Aufgüsse aus Tannennadeln, sogenanntes „Tannenbier“, gegen Skorbut.
Die berauschende Wirkung des gegorenen Getränks mag dabei den Konsum noch gefördert haben. Der Pfarrer Sebastian Kneipp erkannte dann im 19. Jahrhundert die Wirkung der ätherischen Öle in den Nadeln und der Rinde.
Er empfahl Tee aus frischen Trieben, um die Bronchien zu befreien, den Auswurf bei Husten und Verschleimung zu fördern und gleichzeitig die Lunge zu stärken. Sehr beliebt sind heutzutage auch Tannennadelextrakte als Zusatz in Kräuterbädern.
Die Nutzholzlieferantin
Der Raubbau an den Tannen
Tannenholz ähnelt äußerlich dem Fichtenholz, unterscheidet sich von diesem aber durch das Fehlen von Harzgallen oder Harzkanälen. So fehlt ihm auch der typische Harzgeruch. Seine Hauptverwendung findet es als Bau-, Möbel-, Palettenholz oder als Rohstoff für die Zellstoff- und Papierindustrie. Sehr gerne wird Tannenholz auch im Erd- und Wasserbau eingesetzt, da das Holz ständige oder wechselnde Feuchtigkeit gut verträgt. In Binnenhäfen finden Tannenstämme als Rammpfähle oder beim Bau von Schleusen und Brücken Verwendung.
Eine besondere Nachfrage erfährt das langsam gewachsene Tannenholz aus dem Hochgebirge durch den Musikinstrumentenbau. Resonanzböden für Zupf- und Streichinstrumente oder Orgelpfeifen werden nämlich gern aus Tannenholz gefertigt. In vielen historischen Bauwerken ist Tannenholz verarbeitet worden. Beispielsweise enthält der Turm des Freiburger Münsters ein tausendjähriges Tannengebälk. Die Tragwerke über den Kirchenschiffen der Martinskirche in Landshut bestehen ebenfalls aus Tannenholz, und eine wirklich beeindruckende zeitgenössische Konstruktion aus Tanne ist das größte freitragende Holzdach der Welt, das auf der Expo 2000 in Hannover präsentiert wurde. Die überdachte Fläche entspricht ungefähr zwei Fußballfeldern.
Berühmtheit erlangte eine 17 Meter lange und 350 Jahre alte Tanne im Jahre 2000, die der Abenteurer Rüdiger Nehberg zu einem Floß verbaute, mit dem er den Atlantik überquerte. 2000 Seemeilen legte er zurück, um mit seiner Fahrt auf die Situation der Yanomami-Indianer im brasilianischen Urwald aufmerksam zu machen.
Die Symbolik, ihre Rolle als Weihnachtsbaum, im Kirchen- oder Instrumentenbau oder als Heilmittel gefährdeten die Tanne nicht in ihrem Bestand. Dieser Gefahr musste sie sich erst als Lieferantin von Nutzholz in Massen stellen, besonders mit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts tritt sie gezwungenermaßen den Rückzug aus Schwarzwald und Elsass an. Unmengen von Tannenholz wurden die Bergbäche hinab zum Rhein und nach Holland geflößt, um die enorme Nachfrage nach Schiffsmasten zu bedienen. Mit dem „Holländerholz“ waren lukrative Geschäfte zu machen, die Schwarzwaldtannen mussten Kiefern und Fichten Platz machen, während sich ein florierender Handel mit den Tannenstämmen vollzog. Die Figur des Holländer-Michels in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ spielt auf diese Holzgeschäfte an. Belastet mit dieser Hypothek litt die Tanne in einer zweiten Hinsicht massiv unter der Entstehung der modernen Welt. Kein Waldbaum in Europa ist wohl so empfindlich gegenüber Immissionen von Schwefeldioxid wie die Weißtanne. Zwischen 1960 und 1990 wurden Unmengen dieses Gases freigesetzt, was zum Absterben vieler Tannen führte. Ausgelöst durch das Phänomen der auch flächig verschwindenden Tannenbestände entstand die weit verbreitete Sorge um das „Waldsterben“. Die daraufhin einsetzende Rauchgasentschwefelung bei Großfeuerungsanlagen brachte dann schließlich eine spürbare Entlastung, so dass die verbliebenen Tannen sich wieder erholen konnten. Der Rückgang der Tanne war aber so groß, dass sie in einigen Bundesländern auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen steht. Da sie weniger trockenheitsanfällig und sturmresistenter ist als die Fichte, kann sie in vielen Bereichen unter sich ändernden klimatischen Verhältnissen ein Baum der Zukunft sein.
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